Breithaupt 2

I. Breithaupts Vokation nach Erfurt und seine Wirksamkeit bis zum Herbst 1689

Als Johann Balthasar Haberkorn[1], seit dem 18. September 1679 Pfarrer an der Predigerkirche und seit dem 3. Mai 1680 Nachfolger Stengers im Amt des Seniors, Anfang 1687 eine Vokation des Herzogs Gustav Adolph von Mecklenburg zum Generalsuperintendenten und Hofprediger annahm[2], schickte der Rat der Stadt Erfurt vier Deputierte nach Meiningen, die Breithaupt am 20. Februar 1687 den Ruf auf die nun vakanten Ämter antrugen[3]. Der Meininger Hofprediger war mittlerweile durch seine Arbeit im Sinne des Spenerschen Pietismus über die Grenzen Meiningens hinaus bekannt geworden und hatte dadurch in mit der neuen Frömmigkeitsrichtung sympathisierenden Schichten an Einfluß gewonnen.[4] So hatten sich auch Kreise im Erfurter Stadtrat der neuen Frömmigkeit geöffnet, namentlich Hiob Ludolph.[5] Breithaupt selbst wandte sich zunächst schriftlich an das gesamte kursächsische Oberkonsistorium in Dresden sowie an Spener persönlich mit der Bitte um Rat in seiner Berufungsangelegenheit.[6] Wie aus dem Antwortschreiben Speners hervorgeht, hatte Breithaupt zunächst Bedenken, ob die Abgesandten wirklich das offizielle ius vocandi besaßen. Es müssen Mitglieder des Stadtrates gewesen sein, die von den Vorstehern der Predigergemeinde zum Überbringen der Vokation beauftragt worden sind. Ob sie aber offiziell im Auftrage des gesamten Erfurter Rates nach Meiningen zogen, um Breithaupt das Erfurter Seniorat und das Pastorat der Predigergemeinde anzutragen, ist unsicher.[7] Anders sind Breithaupts Bedenken am Vokationsrecht der Deputierten und seine besorgte Anfrage bei Spener sowie dessen Zuversicht auf Zustimmung des Magistrats nicht zu verstehen. In der Gemeinde selbst war die Wahl einstimmig auf den Meininger Hofprediger als Nachfolger Haberkorns gefallen. Spener drängte ihn geradezu, die Vokation anzunehmen, freilich nicht ohne die Schwierigkeiten anzudeuten, die Breithaupt in Erfurt erwarten könnten.[8] Die einzelnen Schritte im Zuge der Berufung Breithaupts darf man sich wohl kaum institutionalisiert vorstellen. Es war vielmehr so, dass eine dem Pietismus freundliche Strömung Erfurts, die Ihre Anhänger unter der Bürgerschaft, den Geistlichen, die in Ihrer Gesamtheit das Evangelische Ministerium bildeten, sowie unter den Mitgliedern des Stadtrats hatte, versuchte, Breithaupt als Pastor und Senior nach Erfurt zu holen. Breithaupt hatte nach Erhalt der Antwort Speners vom 11. März 1687 ohne Zögern zunächst das Pastorat der Erfurter Predigergemeinde übernommen.

Unmittelbar nach Aufnahme seiner Arbeit in der Predigergemeinde und noch vor Einführung in das Seniorat wurde Breithaupt in Kiel in Abwesenheit zusammen mit dem Darmstädtischen Generalsuperintendenten Abraham Hinckelmann zum Doktor der Theologie promoviert. Die entstehenden Kosten hat die Predigergemeinde übernommen.[9] Es scheint sich bei dem Vorgang um einen geschickten Schachzug zu handeln, um Breithaupt einen Vorteil gegenüber möglichen anderen Bewerbern auf das Seniorat zu verschaffen. Die Predigergemeinde hatte Breithaupt von Anfang an neben dem Pastorat auch das Seniorat zugesagt. Darauf protestierten der Syndikus Sömmering[10] und der Ratsmeister Dusch[11] offiziell gegen diese Zusage mit der Begründung, bei Haberkorns Anstellung sei im Ratsprotokoll ausdrücklich festgehalten worden, dass das Pastorat der Predigergemeinde nicht unbedingt mit dem Seniorat verbunden sei. Ziel der beiden war es vermutlich, Augustin Friedrich Kromayer[12], Pfarrer der Barfüßergemeinde, zum Senior zu machen.[13] Durch die Promotion hatte Breithaupt gegenüber diesem nun einen Vorteil errungen, da das Seniorat mit der Professur der Theologie verbunden war, wofür sich Breithaupt nun durch den Doktorgrad als geeigneter betrachten durfte.[14] 

Spener selbst war nun über den weiteren Verlauf im Ungewissen. Am 19. März 1687 äußerte er seine Zuversicht, dass Breithaupt verpflichtet worden sei. Er kenne sonst keinen, der so für die Erfurter Ämter geeignet sei. Bis zum 29. März 1687 hatte Spener von Breithaupt aber immer noch keine briefliche Nachricht bekommen.[15]

Am 27. April 1687 endlich schrieb Breithaupt an Spener und berichtete vom Verlauf der Ereignisse. Nach Erhalt des Briefes Speners habe er nicht mehr gezögert, sondern unverzüglich beschlossen, dem Ruf zu folgen. Auch mit seiner Demission habe es keine Probleme gegeben. Über seinen glücklichen Amtsantritt sowie über die wohlwollende Aufnahme in Erfurt auch von katholischer Seite äußerte er sich freudig. Gleichwohl erwähnte er Schwierigkeiten bei der Senioratswahl, zu der sich die katholischen Teile des Stadtrates Stimmrecht zu verschaffen suchten, was sie zuvor nicht besaßen. Dagegen protestierten die Evangelischen aufs heftigste.[16]

Die Senioratswahl also gestaltete sich auf Grund der besonderen politischen Lage Erfurts schwieriger. Die Oberaufsicht in Erfurt auf politischem und geistlichem Gebiet hatte der Statthalter der kurmainzischen Regierung Johann Jakob Walpot Freiherr von Bassenheim[17], der dem Erfurter Stadtrat aber in der Regel seine herkömmlichen Rechte im Kirchenwesen überließ, um im Sinne der Staatsräson mögliche Unruhe in der konfessionell brisanten Situation Erfurts zu vermeiden. Der Statthalter handelte im Auftrage des in Mainz residierenden Kurfürst-Erzbischofs Anselm Franz von Ingelheim.[18]

Am 8. April 1687 sprachen die drei Ratsherren Brettin, Ziegler und Ludolph, die möglicherweise zu den vier Deputierten gehörten, die Breithaupt im Februar am sächsischen Hofe in Meiningen die Vokation überreichten, beim kurmainzischen Statthalter in Erfurt vor, um die Erlaubnis zur Wahl des neuen Seniors durch die evangelischen Stadträte einzuholen.[19] Den dreien war es offensichtlich in der Zwischenzeit gelungen, den Stadtrat evangelischen Teils von der Wahl Breithaupts zu überzeugen. Der Statthalter aber empfing die Delegation ausgesprochen unwirsch, denn er hatte einige Tage zuvor seine eigenen Vorschläge zur Wahl eines neuen Seniors vorgelegt, die aber vom evangelischen Teil des Erfurter Rats abgelehnt wurden. Der Statthalter wollte jeweils den ältesten Pfarrer Erfurts oder aus den zum Erfurter Landgebiet gehörenden Vororten zum Senior machen. Außerdem sollte den katholischen Ratsherren bei der Wahl Stimmrecht zugestanden werden.[20] Er stimmte aber ohne Widerstand zu, als er vernahm, dass die Evangelischen den Pfarrer der Predigergemeinde, einen um Ausgleich bemühten, irenischen Theologen zum Senior wählen wollten. Schließlich entließ er die Deputierten mit der Warnung, bei Verlust ihrer Ämter in der Senioratswahl keine Forderungen zu stellen.[21] Die Drohungen gegen die Deputierten waren offensichtlich bloße Einschüchterungsversuche, um die Gewalt der kurmainzischen Regierung nachdrücklich unter Beweis zu stellen. Der Sache nach war der Statthalter jedenfalls dem Vorschlag der evangelischen Ratsherren gefolgt. Diese waren selbstbewusst genug, Ihren Vorschlag gegenüber dem kurmainzischen Statthalter durchzusetzen, dieser wiederum handelte politisch klug, indem er gegenüber der Deputation deutlich seine Weisungsbefugnis herausstellte, aber dennoch um der politischen Ruhe willen seine Vorschläge nicht um jeden Preis durchzusetzen versuchte. Über den weiteren Verlauf des Streits bei der Wahl zum Senior wissen wir nichts; er muss sich aber noch über die Monate Mai und Juni 1687 hin erstreckt haben. Am 5. Juli 1687 wurde Breithaupt schließlich in der Predigerkirche der gesamten Erfurter Geistlichkeit und Lehrerschaft als Senior vorgestellt.[22] 

Vor der Wahl hatte sich Breithaupt allerdings noch mit einer anderen Problematik zu beschäftigen, deren Lösung sich sein Vorgänger Haberkorn durch seinen Weggang nach Güstrow entzogen hatte. In den letzten Monaten von Haberkorns Amtszeit drohte der so genannte Liederstreit in Erfurt zu eskalieren. Die evangelische Geistlichkeit wurde dabei von katholischer Seite aufgefordert, einige anstößige, im evangelischen Gottesdienst übliche Lieder bzw. Liedpassagen auszulassen. Ausgangspunkt in dieser Kontroverse war das Lied "Das alte Jahr vergangen ist". Im dritten Verse dieses Liedes hieß es, man solle sich hüten "für des Papstes Lehr". Dies erregte Anstoß unter den Katholiken Erfurts, namentlich die katholischen Ratsmitglieder protestierten gegen diese Passage. Am 30. Dezember 1686 wurde der Erfurter Rat durch den Oberbauherrn Paul Hunold[23] per Dekret der kurfürstlichen Regierung damit beauftragt, die entsprechende Passage des Liedes umzuändern in "für falscher Lehr". Haberkorn lehnte dies ab mit der Berufung auf die im Instrumentum Pacis zugesicherte Religionsfreiheit. Lieber wolle er sein Amt quittieren. Bevor weiter gegen den Senior vorgegangen werden konnte, ließ er dem Rat mitteilen, dass er dem an ihn ergangenen Ruf nach Güstrow folgen werde. [24] Breithaupt musste sich sogleich nach Amtsantritt mit dieser ungelösten Problematik auseinandersetzen. Er hat sich auch in dieser Angelegenheit direkt an Spener gewandt und um Rat gebeten. In dem geheimen Antwortbrief bedauerte Spener[25], dass der Streit nicht vor Breithaupts Ankunft in Erfurt gelöst worden ist. Der eigentliche Streitpunkt rückte bei ihm in den Hintergrund. Es gebe kein göttliches Gebot noch ein Gesetz innerhalb der Kirche, dieses oder jenes Lied zu gebrauchen, solange es andere gebe, die die Andacht fördern.[26] Die Kontroverse gewann für Spener erst an Bedeutung im Hinblick auf die konfessionelle Situation in Erfurt. Die Stadt sei dem Kurfürsten nicht in der Art unterworfen, dass er nach Belieben die Angelegenheiten der evangelischen Kirche disponieren dürfe. Bei einem Verbot der Lieder durch den Kurfürsten in Mainz würde der status confessionis eintreten.[27] Im Druck der erzbischöflichen Regierung sah Spener das Wirken des "Pontificem Antichristum".[28] Er riet Breithaupt dazu, den Beschluß des Hofes und des zuständigen Konsistoriums in Sachsen-Gotha zu befolgen. Um Schaden für die Kirche zu vermeiden, möge die Kontroverse möglichst schnell beendet werden. Breithaupt scheint dem Rat Speners gefolgt und in der Lage gewesen zu sein, den Streit beizulegen. In der Folgezeit jedenfalls hören wir von dieser Angelegenheit nichts mehr.

Breithaupt muss Spener von seiner Wahl zum Senior unverzüglich unterrichtet haben. Am 3. August 1687 antwortete der Dresdner Oberhofprediger auf zwei Briefe Breithaupts[29], die dieser nach dem 5. Juli abgefasst haben muss. Zunächst gratulierte Spener zur Übernahme der Ämter, namentlich zur Wahl zum Senior. Wir erfahren, dass die katholischen Ratsmitglieder die Forderung nach Stimmrecht nicht durchsetzen konnten und dass die Wahl Breithaupts einstimmig verlaufen ist.[30] Es lässt sich aus der Antwort Speners rekonstruieren, dass Breithaupt um Rat gefragt hat bezüglich seiner Predigtmethode. Der Senior, vom pietistisch geprägten Hofe Herzog Bernhards von Meiningen[31] kommend, war unsicher, ob er seine Predigten in der konfessionell gespaltenen und vom aufkeimenden Gegensatz zwischen Pietismus und altlutherischer Orthodoxie geprägten geistig-geistlichen Klima Erfurts polemisch gestalten müsse. Spener lobte Breithaupts Predigten, besonders seine Distanzierung von heftigen Kontroversen auf der Kanzel.[32] Die den Gegnern zur Schau gestellte Polemik dürfe nicht zum Inhalt der Predigten werden.[33] Vielmehr sei konstitutiv für die Predigt der Wahrheitsbeweis evangelischer Lehrsätze aus der Heiligen Schrift sowie die Herzensprägung, dass keine göttliche Erkenntnis wahr ist, wenn sie keine Früchte hervorbringt.[34] 

Im zweiten Brief hat Breithaupt um Rat nachgesucht wegen der in Erfurt üblichen Praxis, die Katechisation den Diakonen zu übertragen. Spener wertete in seinem Antwortschreiben den Katechismusunterricht auf und empfiehlt Breithaupt, sich selbst diesem anzunehmen.[35] Die Katechisation erbaue die Gemeinde nicht weniger als die Predigten selbst.[36]

Schließlich wurde Breithaupt von ihm ermahnt, die Theologische Professur ernst zu nehmen und nicht wie sein Vorgänger Haberkorn zu vernachlässigen. Er habe darin die Aufgabe, die akademische Jugend zum Studium der Heiligen Schrift und zur Exegese zu leiten.[37] Am Schluss des Briefs erhalten wir einen Hinweis auf Unstimmigkeiten Breithaupts mit Kromayer. Über den Inhalt des Streits wissen wir nichts. Doch billigt Spener Breithaupts Bemühen um Einigung in Freundlichkeit und Sanftmut.[38] Die Wurzeln des nach Franckes Amtsantritt in Erfurt eskalierenden Streites zwischen Orthodoxie und Pietismus sind also weit vor Franckes Erfurter Zeit zu suchen.

In den kommenden Monaten hat Breithaupt nicht nur ohne Widersprüche oder Streitereien seine Ämter verwalten, sondern auch seinen Einfluss erweitern können. Am 15. September 1687 wurde er vom Rat der Stadt Erfurt zum Ersten Inspektor des (Rats-) Gymnasiums ernannt.[39] Auch der Kontakt zu Spener erlahmte in dieser Zeit ein wenig. Am 9. Dezember 1687 lässt Spener ihm durch Vermittlung seines Schwiegersohns, des Leipziger Professors für Geschichte und Griechische Sprache Adam Rechenberg das Exemplar einer gedruckten Predigt zukommen.[40] Am 20. Januar 1688 schrieb er ungeduldig an denselben, dass er seit langem kein Wort von Breithaupt gehört habe.[41] Der Senior war inzwischen in Erfurt ein angesehener Theologe geworden. Am 5. April 1688 ernennt ihn der Rat zusätzlich zum Inspektor des Evangelischen Waisenhauses.[42] Im weiteren Verlauf des Jahres 1688 fließen die Nachrichten über Breithaupt nur sehr spärlich und ergehen sich in Andeutungen. Der Einfluss und das große Ansehen Breithaupts provozierte auf mancher Seite Missgunst, nicht nur im eigenen Lager. Vermutlich hat Breithaupt durch seine Vorlesungen auch Anhänger unter der katholischen Studentenschaft gefunden. Dies würde jedenfalls erklären, warum die Katholisch-Theologische Fakultät in der ersten Jahreshälfte versuchte, seine Lehrbefugnis als Professor Augsburgschen Bekenntnisses an der Erfurter Universität in Frage zu stellen. Dies führte so weit, dass Breithaupt seinen Vorlesungssaal, das Collegium Maius, verschlossen vorfand und entweder die Tür durch den Stadtschultheißen öffnen ließ oder gar mit seinen Studenten wieder abziehen musste. Die Angelegenheit führte zu zwei Eingaben Breithaupts, zunächst am 12. Mai 1688 beim Kurmainzischen Statthalter, dem Freiherrn von Bassenheim, schließlich, als dieser nicht eingriff, im September 1688 beim Kurfürsten selbst.[43] Über den Ausgang des Streits sind wir nicht unterrichtet, doch scheint es Breithaupt gelungen zu sein, im folgenden für einen reibungslosen Ablauf seiner Lehrtätigkeit zu sorgen. Spätestens im Herbst 1688 lässt sich auch wieder brieflicher Kontakt zwischen Breithaupt und Spener belegen. [44]

Ende 1688 hatte sich Breithaupt mit anderen Schwierigkeiten auseinanderzusetzen. Dr. Eckard Leichner, Professor, Pädagoge und Stadtphysikus in Erfurt[45], ein entschiedener Gegner Böhmes und Paracelsus', beabsichtigte eine neue, offensichtlich in sehr heftigem Ton gehaltene Schrift namentlich gegen Böhme zu veröffentlichen. Breithaupt wandte sich wieder an Spener mit der Bitte um ein Urteil des Dresdners zu den Schriften Böhmes und des Paracelsus sowie um Rat zu der geplanten Schrift Leichners.[46] Spener lobt zunächst, dass es Leichner um die Wahrheit gehe. Doch möge Breithaupt ihn ermahnen, die Schrift nicht zu veröffentlichen. Sollte es aber doch zur Edition kommen, so solle Breithaupt sie nicht mit Gewalt verhindern, aber auch nicht durch seine Autorität oder irgendeine Hilfestellung unterstützen.[47] 

Im selben Jahr aber sollte es noch zu einer persönlichen Begegnung Speners und Breithaupts kommen. Zwischen dem 16. August und dem 19. August 1689 hat sich Breithaupt als Gast im Hause Speners in Dresden aufgehalten. [48] Spener äußerte sich von Breithaupt zutiefst beeindruckt: Er habe sich sehr über den Umgang mit ihm gefreut. Breithaupt gehöre zu denjenigen, die die Frömmigkeit mit der Gelehrsamkeit verbinden. Er verspreche sich noch viel von ihm. Wenn doch alle auf Kanzel und Katheder von Breithaupts Geist wären![49]

Der Grund der Reise ist leider nicht bekannt. Sie erhält aber, wie im folgenden gezeigt wird, durch ein äußeres Ereignis ihre Bedeutung, führte sie doch aus Zufall zu einem Wiedersehen Franckes und Breithaupts, ein Zufall, der diese beiden Männer bis zum Tode Franckes 1727 aufs engste verbinden sollte.

[1] Johann Balthasar Haberkorn (20.3.1646-30.11.1706), geboren in Gießen, Studium in Gießen, Jena, Leipzig, Wittenberg und Helmstedt, 1669 Superintendent in Kirchhain (Niederlausitz) und Schloßprediger in Dobrilugk, 1677 Hofprediger und Superintendent in Sondershausen, 1680 Pastor der Predigerkirche in Erfurt, zudem Senior des Evangelischen Ministeriums und Professor an der dortigen Universität, 1687 Oberhofprediger und Superintendent in Güstrow (DBA 446,22-25; Jöcher 2, 1298; Zedler 12,43; LP Stolberg Nr. 12219; Bauer, Theologen, 172).

[2] Quehl, Predigerkirche, 233.

[3] LB 1725, 61f: "A. 1687. Domin. Reminiscere, kam ein neuer solenner Ruff an mich, durch vier Deputatos, von der Stadt Erffurt." Mit dem Senioratsamt verbunden war an der Universität Erfurt die Professur Augsburgischen Bekenntnisses, die zur Philosophischen Fakultät gehörte. Eine Fakultät für Evangelische Theologie neben der Katholischen gab es zur Zeit der Wirksamkeit Breithaupts in Erfurt nicht (Bauer, Theologen, 44). Vgl. Spener an Breithaupt vom 11.3.1687 (LBed 1, 371f): Spener erwähnt in diesem Zusammenhang "die mir mehrmal bezeugte inclination zu einer academischen profession" Breithaupts.

[4] Breithaupt hatte bereits in Meiningen Predigtwiederholungen gehalten (AFSt A 124, 129b).

[5] Vgl. Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 336f. Spener hatte bei Breithaupts Berufung nach Erfurt mitgewirkt (LBed 3, 217).

[6] Vgl. LB 1725, 61: das Konsistorium habe die "divinitas, una cum sequendi necessitate" erkannt; vgl. ad Rech. 1, 89a (19.3.1687). Die Schreiben Breithaupts an Spener und das Konsistorium sind nicht überliefert.

[7] Spener äußert sich dazu folgendermaßen: "Betreffend die vocantes, praesupponire ich, daß die leute, welche gedachte Personen abgesandt, das jus vocandi pastorem unzweiffenlich haben, wie mir auch bekant ist, daß die vorige pastores und seniores von denen vorstehern der gemeinde beruffen worden. Wie viel der Magistratus dabey zu thun habe, ist mir nicht wissend, will aber auch hoffen, daß von solcher seite kein mangel sey, noch dieser etwas dagegen einzuwenden haben werde. " (Spener an Breithaupt vom 11.3.1687 [LBed 1, 370]).

[8] Vgl. Spener an Breithaupt vom 11.3.1687 (LBed 1, 371-374). An Speners Zitat aus 1 Kor 16, 9 (ebd., 374) kann sich Breithaupt noch über dreißig Jahre später bei Abfassung seiner Lebensbeschreibung erinnern (vgl. LB 1725, 63).

[9] Vgl. LB 1725, 60; Quehl, Predigerkirche, 234.

[10] Johann Wilhelm Sömmering (begr. 8.12.1696), Lizentiat beiderlei Rechts, Stadtsyndikus in Erfurt (Bauer, Ratsherren, 126f Nr. 602).

[11] Johann Nicolaus Dusch (gest. 21.2.1692), immatrikuliert an der Erfurter Universität 1627, Unterkämmerer 1660, Futterherr 1661, im Vormundschaftsamt 1666, 1669, 1672, 1678 und 1681, Oberbauherr 1684, Ratsmeister 1687 und 1690 (Bauer, Ratsherren, 130 Nr. 637).

[12] Augustin Friedrich Kromayer (1644-5.7.1707), Schulbesuch in Erfurt und Stettin, Studium in Jena und Wittenberg, 1665 Pastor in Olbersleben, 1673 Diakon in Weimar, 1675 Pastor in Bad Sulza, 1684 Pastor an der Barfüßerkirche in Erfurt, nach Breithaupts Weggang aus Erfurt 1691 Senior des Evangelischen Ministeriums, 1701 Dr. theol. in Jena (Bauer, Theologen, 123f).

[13] Vgl. Quehl, Predigerkirche, 234.

[14] Kromayer besaß 1687 noch nicht den Doktorgrad , sondern wurde erst 1701 in Jena zum Dr. theol. promoviert (unrichtig Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 336).

[15] Vgl. Ad Rech. 1, 89a (19.3.1687) mit der interessanten Bemerkung Speners, er habe in seiner Frankfurter Zeit von einem nahen Anverwandten Breithaupts, möglicherweise sogar seiner Mutter (a parente), Briefe erhalten, in denen über seine Treue und Fleiß im Amt berichtet wurde. Vgl. Ad Rech. 1, 87a (29.3.1687).

[16] "De mutatione mea quid multa? Tam manifesto Dei gratia per Tuam Excellentiam characteres divini digiti aperuerat, ut lectis Tuis nullam amplius scrupulum foverem, sed confestim destinarem sequi." (AFSt A 159, 20a).

"Una superest difficultas de Senioratu, in quo constituendo Pontifici vota sibi integra, quae antehac non habuere, facere conantur. Evangelici vero prorsus renuunt, ..." (ebd.).

[17] Johann Jakob Walpot Freiherr von Bassenheim (gest. 10.5.1697), Senior und Domherr in Mainz, Chorherr zu St. Viktor und St. Alban, kurmainzischer Geheimrat, Statthalter in Erfurt zur Zeit Breithaupts (Zedler 52,1443).

[18] Anselm Franz von Ingelheim (6.9.1634-30.3.1695), geboren in Köln, Erziehung unter der Beratung von Jesuiten, 1657-1659 Studium in Nancy, Metz, Plombières und Paris, 1660 Aufnahme im Mainzer Domkapitel, in den folgenden Jahren Missionar am Kaiserhof, am Oberrhein und in der Schweiz, 1674 Stadtkämmerer, 1675 Statthalter im mainzischen Erfurt, am 7.11.1679 Kurfürst von Mainz, im Jahre 1688 Übergabe der Festung Mainz an die Franzosen, zieht sich daraufhin über Erfurt nach Aschaffenburg zurück, krönte 1690 in Augsburg Josef I. zum römischen König (NDB 1,310f; Zedler 2,460 und 14, 689).

Zur geschichtlichen Entwicklung Erfurts im 17. Jahrhundert vgl. Trunz, Erich: Johann Matthäus Meyfart. Theologe und Schriftsteller in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. München 1987. S. 51-73 (Lit.).

[19] Extract Schreibens aus Erffurth vom 9. April 1687 (Thüringisches Staatsarchiv Gotha, Akte Nr. 111, Bl. 2a).

Joachim Andreas von Brettin (24.8.1622-1703), 1685 Ratsmeister, 1688 und 1691 Oberratsmeister (Bauer, Ratsheren, 60). 

Dr. Hiob Ludolph (27.2.1649-5.2.1711), 1683 Stadtvogt, 1686 Obermarktherr, 1689 Ratsmeister (Bauer, Ratsherren, 97); dessen Onkel gleichen Namens lebte seit 1678 in Frankfurt am Main und stand in engem Kontakt zu Spener (vgl. Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 328f). Rudolf Heinrich Ziegler (10.12.1631-1694), 1682 Kämmerer, 1685 Jüngerer Bürgermeister, 1688 Älterer Bürgermeister (Bauer, Ratsherren, 145) oder Johann Ziegler (1642-1707), 1684 Kämmerer, 1687 Oberbauherr, Inspektor der Predigergemeinde und des Ratsgymnasiums (Bauer, Ratsherren, 143). 

[20] Extract Schreibens aus Erffurth vom 9. April 1687 (Thüringisches Staatsarchiv Gotha, Akte Nr. 111, Bl. 2a/b).

"Ihr Vögel, Ich will Euch weißen, wie Ihr Ihre Churfürstliche Gnaden respectiren solt" (Bl.2a).

Ältester Geistlicher Erfurts war Hieronymus Lämmerhirt (getauft 1625), Pfarrer der Hospitalgemeinde, seit 1683 in Erfurt (Bauer, Geistliche, 204).

[21] Extract Schreibens aus Erffurth vom 9. April 1687 (Thüringisches Staatsarchiv Gotha, Akte Nr. 111, Bl. 2b/3a).

"Er merckte die Evangelischen inclinirten auf Herrn L. Breithaubten, gewesenen HoffPredigern zu Meinungen, izo Pfarrherrn zum Predigern, der gefiel ihm auch sehr wohl".

[22] Quehl, Predigerkirche, 234.

[23] Paul Hunold, 1681 Zweiermann, 1683 Stadtvogt, 1686 Oberbauherr, 1689 Jüngerer Bürgermeister (Bauer, Ratsherren, 85 Nr. 266).

[24] Zum Erfurter Liederstreit vgl. Quehl, Predigerkirche, 229-233, und die Akten im Erfurter Stadtarchiv 1-1/X AI-4 (1679-1724) und 1-1/XXI 2-24 (1686-1690).

[25] Spener an [Breithaupt vom Mai/Juni 1687] (Cons. 1, 385f).

"Caeterum scito, haec me tibi soli scribere, neque velle ut aliis constet, me a te consultum vel respondisse, cuius mihi rationes praegnantes admodum sunt." (ebd., 386).

[26] "Nam hac vel illa cantione uti, nec divini praecepti est, nec universalis in Ecclesia nostra legis unde nulla est humanarum cantionum qua non absolute loquendo carere vel etiam abstinere queamus, dum aliis uti licet, quae devotioni nostrae inserviunt." (ebd., 385).

[27] "Quod N. Electori non ita civitas vestra subiecta est, ut circa res Ecclesiasticas pro lubitu disponere ipsi integrum sit, unde metus, ne Ecclesiae vestrae vel qualemcunque adhuc habet libertati paritione tali praeiudicium fiat" und "Cum omissio illa fieri debeat ad mandatum adversariorum, videtur ille casus confessionis esse, ubi quae adiaphora sunt, talia esse desinunt" (Cons. 1, 385).

[28] Cons. 1, 386.
[29] Spener an Breithaupt vom 3.8.1687 in Cons. 1, 334-338.

[30] "Beneficii accessio est, quod electio tua nullo tristi praejudicio Ecclesiae nostrae, quod futurum erat, si adversa pars ad electionem admissa foret, notata fuerit, sed ab ipso Electore jus suum nostris adhuc integrum relictum." (Cons. 1, 334). "Cumulus reliquorum beneficiorum fuit quod unanimes penes quos ea facultas est in te eligendo seniore consenserint,..." (ebd.). 

[31] Herzog Bernhard von Sachsen-Meiningen (10.9.1649-27.4.1706), ein Sohn Herzogs Ernst des Frommen von Sachsen-Gotha, bezog am 25.6.1680 seine Residenz in Meiningen (Loringhoven, Stammtafeln 1, 49f; Zedler 3, 1381-1383).

[32] "In concionibus tuam prudentiam laudo, quod controversiarum tractatione acerbiori vel frequentiori abstineas." (ebd., 335).

[33] "Si quis vero te aliter agere velit, exigatque ut polemica in Ecclesiis adversariis exposita praecipuum concionum argumentum sint, non suaserim te aurem praebere." (ebd., 335).

[34] ebd., 335 (dort die von Spener angeführten Punkte 1. und 2.). Spener gesteht nur dann Polemik auf der Kanzel zu, wenn das Volk durch die Gegner verblendet oder verwirrt wird und es sonst keine andere Möglichkeit der Verhandlung gibt (ebd., 336).

[35] "Itaque suaserim, nisi alia quae nunc prospicere non possum obstent, ut examinandi catechesin laborem etiam in te susciperes, vel potius eum cum Diaconis partirere." (ebd., 337).

[36] "Id vero plane tibi persuade, catecheticis examinibus non minus quam concionibus omni etiam studio habitis coetum aedificari,..." (ebd., 337). Über Art und Methode des Katechismusunterrichts verweist Spener auf das Vorwort seiner Katechismustafeln (Grünberg Nr. 138) und darauf, daß Breithaupt während seines Aufenthaltes in Speners Haus selbst an seinen Übungen teilgenommen habe (ebd.).

[37] "In eo quoque juventuti Academicae operam praestabis utilissimam, quando eam ad studium Scripturae Sacrae atque ita exegeticum omni instantia urgebis." (ebd., 337). Da die Erfurter Universität neben der Fakultät für Katholische Theologie keine eigene Fakultät für Evangelische Theologie hatte, gehörte die mit dem Seniorat verbundene Professur der Theologie Augsburgischer Konfession seit 1566 zur Philosophischen Fakultät (vgl. Bauer, Theologen, 44).

[38] "Quod Dn. Kromayerum attinet, pariter consilium tuum quam maxime probo, quod mansuetudine et humanitate eum tibi conciliare studeas." (ebd., 338). Kromayer ist wahrscheinlich auch gemeint, wenn Spener im gleichen Brief von einem eifersüchtigen Glied im Evangelischen Ministerium spricht (ebd., 334).

[39] Stadtarchiv Erfurt (Senats- und Stadtratsprotokolle)

1-1/XXI 2-24 (1686-1690), Bl. 184b-185b.

[40] Vgl. Ad Rech. 1, 35a (9.12.1687).

[41] Vgl. Ad Rech. 1, 156a (20.1.1688).

[42] Stadtarchiv Erfurt (Senats- und Ratsprotokolle) 1-1/XXI 2-24 (1686-1690), Bl. 255b.

[43] AFSt A 123, 74-77 und 80-83.

[44] Ad Rech. 1, 171b (28.8.1688) und 1, 166b (11.9.1688); vgl. auch ad Rech. 1, 123b (15.5.1688) und 1, 122a (2.6.1688).

[45] Eckard Leichner (15.1.1612-29.8.1690), ein streitbarer Anti-Böhmist, Besuch des Gymnasiums in Eisenach und Coburg, 1631 Studium der Theologie und Philosophie in Straßburg, 1633 dort Studium der Medizin, 1636 Mediziner in Jena, seit 1638 Arzt in Weimar, Sondershausen und Nordhausen, 1640 Physikus in Ohrdruf/Gotha, am 29.10.1643 Dr. med. in Jena, 1644 Eintritt in die medizinische Fakultät der Universität Erfurt, 1646 dort ordentlicher Professor, 1658 zusätzlich Stadtphysikus (Bauer, Ratsherren, 109 Nr. 460; ADB 18,214). Vgl. die beiden Briefe Speners an Leichner aus dem Jahre 1672 (Philipp Jakob Spener, Briefe aus der Frankfurter Zeit (1666-1674), Bd. 1, Tübingen 1992, Nr. 131 und 144). 

[46] Der Antwortbrief Speners an Breithaupt ist überliefert Cons. 1, 164-167 (14.1.1689). Vgl. auch ad Rech. 1, 305a (7.1.1689) und 1, 311a (15.1.1689). Spener äußerte sich zurückhaltend. Er habe wenig von Böhme gelesen, tue sich schwer mit dessen Stil. Er verbiete die Lektüre der Schriften Böhmes nicht, wenn sie kritisch ist und alles an der Heiligen Schrift geprüft wird.

[47] "Ita etiam Tuo si loco essem, Frater Venerande, ubi perrexerit D. Leichnerus, in quo voluntatem publicam veritatis causam juvandi laudo, sed quae illius causa suscepit, in me neutiquam recipere velim, Boehmium tam diris modis insectari, et novum scriptum parturiat, monerem amice, ut quae forte supra ipsum essent, ne suscipiat, si non pareret, editionem nec vi prohiberem, nec quacunque autoritate mea aut ope juvarem, sed rem omnem illis permitterem, qui dum mecum ego delibero, cuncta jam satis perspexisse sibi videntur, et de iis, quae sine me audent, Deo reddituri sunt rationem." (Cons. 1, 166 vom 14.1.1689).

[48] Am 16.8.1689 äußert Spener, daß Breithaupt als Gast willkommen sei (ad Rech. 1, 279b), am 19.8.1689 morgens um acht Uhr ist der Erfurter Senior wieder abgereist; er hoffte noch am selben Tag Leipzig zu erreichen (ad Rech. 1, 276b vom 20.8.1689).

[49] "Valde me eius consuetudo his diebus delectavit. Ex iis est, qui cum eruditione pietatem ... coniungunt, unde ab ipso multa mihi adhuc ... ex benedictione polliceor. Utinam omnes eodem essent animo, qui sacra in cathedra et suggestu docent." (Ad Rech. 1, 276b-277a vom 20.8.1689). 

II. Breithaupt in seinen Ämtern als Pfarrer der Predigergemeinde, Senior des Evangelischen Ministeriums, Vorsitzender des Konsistoriums und Professor Augsburger Konfession an der Universität Erfurt

Breithaupt übernahm in Erfurt vier Amtsbereiche: er wurde Pfarrer an der Predigerkirche, übernahm das Seniorat des Evangelischen Ministeriums, dh den Vorsitz der gesamten evangelischen Geistlichkeit Erfurts und der angeschlossenen Landgemeinden, wurde Vorsitzender des Konsistoriums, der Instanz, die in kirchlichen Angelegenheiten die Jurisdiktion besaß, sowie Professor Augsburgschen Bekenntnisses an der Erfurter Universität. Die drei letztgenannten Ämter waren miteinander verknüpft.[1]

Die Predigergemeinde hatte Breithaupt als ihren neuen Hirten ausgesprochen freundlich empfangen.[2] Dort wohnte der überwiegende Teil der vornehmen und wohlhabenden Bürger Erfurts. Die Predigerkirche war zugleich Ort der seit 1530 dort um 9 Uhr gehaltenen sonntäglichen Ratsgottesdienste.[3] Johann Pachelbel, einer der bedeutendsten deutschen Barockmusiker, war bis 1690 Kantor an der Predigerkirche. Als Pachelbel nach Nürnberg ging, trat Johann Heinrich Buttstedt seine Nachfolge an.[4]

Neben Breithaupt wirkten an der Predigerkirche zwei weitere Theologen, der Diakon Johann Georg Sack (get. 1634, begr. 1694)[5], kränklich veranlagt und 24 Jahre älter als Breithaupt, sowie der Ratsprediger (Nonarius) und Professor des Ratsgymnasiums M. Heinrich Süße (gest. 1699).[6] Sack und Süße waren in Erfurt angesehene Theologen. Sack, der seit 1682 in Erfurt tätig war, wurde am 12. September 1683 Diakon an der Predigerkirche, und Süße kam Ende 1683 nach Erfurt. Beide gaben also der Stadt ihren geistlichen Beistand in einer Zeit, da in Erfurt furchtbar die Pest wütete. Breithaupt gelang es, die beiden für den Pietismus zu gewinnen. Später finden wir Sacks Sohn Jakob Samuel (1702 als theologiae doctorandus) und Süßes Sohn Heinrich Gottfried (stud. theol. 1706) zum Studium der Theologie in den Vorlesungen Breithaupts in Halle.[7] 

Doch blieb Breithaupts Einfluss keineswegs auf die Predigergemeinde beschränkt. Auch außerhalb fand er Anhänger wie den Pastor der Reglergemeinde Johann Glörfeld (gest. 1694)[8] und den Diakon der Barfüßergemeinde M. Johann Laurentius Pfeiffer (14.8.1662-1.1.1743)[9], gerade dort, wo Breithaupts erbittertster Gegner Augustin Friedrich Kromayer als Pfarrer die lutherische Orthodoxie vertrat. Doch haben offensichtlich noch weitere Geistliche mit dem Pietismus sympathisiert. Von dem M. Johann Balthasar Jacobi (1658-1703), Diakon der Kaufmannsgemeinde, erfahren wir, dass auch er Predigtwiederholungen (im Rahmen des Katechismusunterrichts) gehalten hat.[10] Blickt man über die Grenzen der Predigergemeinde hinaus, so zählt man außerdem acht weitere evangelische Kirchen in Erfurt. In Leipzig beispielsweise gab es zur gleichen Zeit nur zwei evangelische Kirchen, nämlich St. Thomas und St. Nicolai.

Im Pfarramt hatte Breithaupt besonders im Predigen großen Erfolg unter seinen Hörern.[11] Zudem konnte er den Katechismusunterricht fördern, den er anfänglich im Pfarrhaus, später in der Kirche abgehalten hatte.[12] Breithaupt erreichte zudem, dass sich seine Gemeindeglieder einige Tage vor der Beichte bei ihm zu einer Art Beichtvorgespräch einfanden. Wie Spener, so nahm auch Breithaupt die Beichte ausgesprochen ernst. Sich mit jedem einzelnen Beichtkind intensiv zu befassen, führte ihn jedoch an die Grenzen seiner Belastbarkeit.[13]

Die Erfurter evangelische Geistlichkeit traf sich einmal pro Woche zu den Ministeriumssitzungen unter dem Vorsitz des Seniors Breithaupt. Im Rahmen seiner kirchlichen Aufsichtspflicht führte er Visitationen durch der umliegenden, dem Erfurter Ministerium unterstellten ländlichen Gemeinden, des Augustinergymnasiums sowie der Schulen. In den Konsistorialsitzungen drang der Senior auf ernsthafte Übung der Kirchenzucht.[14]

Als Professor gelang es Breithaupt, wieder öffentliche und private Vorlesungen und Übungen einzurichten sowie öffentliche Disputationen zu halten. Um dies alles hatte sich sein Vorgänger Haberkorn wenig gekümmert.[15] Besonders in seinem Amt als Professor drang Breithaupt auf die Durchsetzung der Reformvorschläge Speners, wie dieser sie in seinen Pia Desideria geäußert hatte. Er war darauf bedacht, wie er das Werk der von Luther begonnenen Reformation "... zur rechten thätigen Krafft und Frucht in der jetzigen Zeit mit fortsetzen und befördern mögte."[16] Zu diesem Zweck behandelte Breithaupt die biblischen Bücher, die Bekenntnisschriften Augsburgscher Konfession, die altkirchlichen Bekenntnisse, die Loci Theologici des Martin Chemnitz sowie darüber hinaus Johann Arndt Bücher vom Wahren Christentum. Um dem Vorwurf der Heterodoxie zuvorzukommen, hatte Breithaupt sich vor seinen Hörern auf Luthers deutsche Vorrede zum Römerbrief berufen und diese in Erfurt drucken lassen.[17]

[1] LB 1725, 63f. Zu Breithaupts Wirksamkeit als Senior vgl. Archiv und Bibliothek des evangelischen Ministeriums zu Erfurt A II a 8 (Protokolle des Evangelischen Ministeriums 1680-1692).

[2] LB 1725, 62. 

[3] Bauer, Theologen, 13.

[4] MGG, ADB.

[5] Bauer, Theologen, 271.

[6] Bauer, Theologen, 307.

[7] vgl. Anm. 54 und 55.

[8] Bauer, Theologen, 163f.

[9] Bauer, Theologen, 247f.

[10] Bauer, Theologen, 200; Brief Breithaupts an die Ev. Ratssenioren vom 15.8.1691 (AFSt A 124, 171b).

[11] "Im Predig=Ambt hatte ich unwürdiger mehr Seegen, als ich begreiffen konte, so daß ich offte sagen mögen mit Petro: Herr/ gehe von mir hinaus/ ich bin ein sündiger Mensch! Denn, wo ich gedachte, die Predigt hätte nichts ausgerichtet, da muste ich bald erfahren und bekennen; Daß die überschwengliche Krafft, welche sich exserirt hatte, sey GOttes und nicht von mir. 2. Cor. IV. 7." (LB 1725, 64).

[12] "So giengen auch die Catechisationes im Schwange, nebst Wiederholung der Predigten, theils in öffentlicher Kirche, theils auf der Pfarre." (LB 1725, 64).

[13] "Und die Confitenten waren willig, vor der Beicht sich einige Tage zu melden und prüfen zu lassen. Wie dem allen aber, und obgleich solche Erleichterung durch die Vorbereitung vorher ging, so war und blieb mir doch im Beichtstuhl die schwehreste Last; Insonderheit wegen der Menge, und derer Seelen so sehr unterschiedenen Beschaffenheit: Worauff sich individualiter zu appliciren, wie sichs mit wahrer Sorgfalt gebühret, und dieses so viel Stunden zu continuiren, mehrmahls bey mir ein deliquium veruhrsachte." (LB 1725, 64).

[14] "Das weitläufftige Land=Ministerium, wie auch das Gymnasium Augustinianum, und die Schulen, wurden ordentlich visitiret; und nicht weniger bey den Consistorial-Sessionen Ernst gebraucht disciplinam Ecclesiasticam gehöriger massen zu exerciren." (LB 1725, 63f).

[15] "Die Theologische Profession brachte durch Gottes Gnade, wieder zum Stande mit publicis und privatis lectionibus, auch Disputationibus publicis, de Satisfactione, Juramentis, etc. Dergleichen eine gute Zeit unterlassen war." (LB 1725, 63). Vgl. Breithaupt-Bibl. Nr. [4.] und [7.].

[16] LB 1725, 72.

[17] "Zu Erffurth hatte ich zu dem Ende, nechst Handlung der Heil Schrifft, die Libros Augustanae Confessionis Symbolicos samt den Antiquitatibus Ecclesiasticis, und die Locos Theologicos nach des CHEMNITII Lehr=Arth, und daneben absonderlich Seel. Joh. ARNDTII Bücher vom wahren Christenthum, beständig tractiret; Als wodurch Lutheri wahrer Krafft=Sinn recht erneuert, und zur Praxi gebracht wird: wovon die aldort gedruckten Programmata noch zeugen. Damit auch alle best=gemeynte intention gerettet würde von dem Argwohn, als würde was neues gesuchet; So hatte dabey immer auf des Lutheri teutsche Vorrede/ über die Epistel an die Römer/ meine Auditores gewiesen: Welche Praefation eben deswegen zu Erffurt besonders drücken, und zum allgemeinen Brauch dadurch aptiren lassen." (LB 1725, 72); vgl. StadtA Erfurt 1-1, X B XIII 41, Bd. 2, 136b (Protokollband des Consilium Secretum der Universität Erfurt 1684-1695). 

III. Breithaupt und die Vokation August Hermann Franckes zum Diakon der Augustinergemeinde nach Erfurt

Breithaupts Bekanntschaft mit Francke reichte bis in das Jahr 1682 zurück. Seinerzeit hatten sie sich in Kiel während ihrer gemeinsamen Studienzeit kennen gelernt und beide im Hause Christian Kortholts eine Mensa gefunden. Aber erst sieben Jahre später sollten sie sich wieder sehen. Es muss um den 16. August 1689 gewesen sein: Francke, der zusammen mit einigen anderen Magistern in Leipzig das Collegium Philobiblicum gegründet hatte und zu diesem Zeitpunkt sich bereits mit der Orthodoxie, namentlich mit Johann Benedikt Carpzov, in heftiger Auseinandersetzung befand, war gerade auf der Rückreise von Dresden, wo er Spener besucht hatte. Zur gleichen Zeit brach Breithaupt von Erfurt aus nach Dresden auf, wo ihn Spener bereits als Gast erwartete. Zwischen Oschatz und Meißen trafen sich die Kutschen Breithaupts und Franckes, als die Kutscher an einer Station zum Pferdewechsel Halt machten. Als sie sich sahen, stiegen sie aus ihren Kutschen, eilten aufeinander zu, begrüßten und umarmten sich. Da die Zeit drängte, vereinbarten die beiden ein Treffen nach Breithaupts Rückkehr, dh um den 20. August 1689, in Leipzig, wo sie ausführlich miteinander sprechen wollten.[1] Von diesem Zeitpunkt an sollte der Kontakt, ja die Freundschaft zwischen beiden nicht wieder abreißen.

Im Dezember 1689 verließ Francke Leipzig und hielt sich über Weihnachten bei seiner Familie im heimatlichen Gotha auf. Auf der Reise dorthin kam er kurz vor dem 22. Dezember auch nach Erfurt, um Breithaupt zu besuchen, der fieberkrank das Bett hüten musste. Der Senior ließ Francke daraufhin am 22. Dezember in der Predigerkirche und in der Hospitalkirche predigen. Als Francke im Januar des folgenden Jahres von Gotha aus aufbrach, um über Leipzig nach Lübeck zu reisen, wo sein Onkel Anton Heinrich Gloxin gestorben war, kam er wiederum durch Erfurt, wo er am 12. Januar 1690 nicht nur erneut in Breithaupts Predigergemeinde, sondern auch in der Hospitalkirche und in der Kaufmannskirche predigte.[2] Damit war es Breithaupt gelungen, den Magister Francke in Erfurt bekannt zu machen. Und er hatte dafür seinen Grund. Seit einiger Zeit nämlich war der Diakon der Augustinergemeinde Joachim Kistner[3] wegen undurchsichtigen Lebenswandels, namentlich wegen des Vorwurfs des Ehebruchs, ins Gerede gekommen. Es zeichnete sich bereits frühzeitig eine Amtsenthebung Kistners ab, so dass damit zu rechnen war, dass das Diakonat der Augustinerkirche vakant werden sollte.[4] In der Tat ordnete der Rat im Februar 1690 die Remotion Kistners an und beauftragte das Ministerium, dessen Vorsitzender der Senior Breithaupt war, mit der Neubesetzung.[5] Die Augustinergemeinde fasste zunächst einen Theologen aus Erfurt als Nachfolger ins Auge.[6] Die Wahl fiel auf den Magister Heinrich Süße.[7] Ob Süße selbst einem Wechsel aus finanziellen Gründen distanziert gegenüberstand, wissen wir nicht. Jedenfalls war der Rat dagegen, Süße in die Augustinergemeinde ziehen zu lassen, vermutlich weil man sich sonst nach einen neuen Ratsprediger hätte umsehen müssen. Breithaupt sah nun die Gelegenheit, August Hermann Francke in dem schwebenden Verfahren nachdrücklich ins Gespräch zu bringen.[8]

Francke selbst aber war auf Grund der Leipziger Streitigkeiten infolge seiner pietistischen Zusammenkünfte und Vorlesungen in weiten Kreisen der orthodoxen Geistlichkeit in Erfurt verhasst. Am 10. März 1690 waren ihm durch ein kurfürstliches Edikt alle pietistischen Versammlungen in Leipzig verboten worden. Dieses Verbot gab auch in Erfurt das Signal zum Angriff. Augustin Friedrich Kromayer[9], Pastor an der Barfüßerkirche in Erfurt und scharfer Gegner Breithaupts in den kommenden Unruhen, versuchte daher, als sich endlich eine Übernahme des Augustinerdiakonats durch Francke abzeichnete, der Berufung entgegenzuwirken.[10] Doch war es Breithaupt inzwischen gelungen, die Augustinergemeinde für Francke zu gewinnen. Am 18. März 1690 bat der Gemeindevorstand den Rat um Erlaubnis einer Gastpredigt Franckes. Auch dieser selbst wurde kontaktiert, denn Ende März 1690 schrieb er aus Lübeck und sagte die erbetene Predigt zu.[11] In der Zwischenzeit hatte die Leipziger theologische Fakultät auf Bitte des Erfurter Rates ein Gutachten über Francke erstellt.[12] 

Mitten in diese Verhandlungen um die Berufung August Hermann Franckes als Diakon der Augustinergemeinde aber erhielt Breithaupt am 9. April unvermutet eine Vokation zum Superintendenten nach Hildesheim.

[1] Vgl. Kramer BW 1861, 72: "Weswegen Sie, da Sie beyde einander erblickten, beyde sofort vom Wagen stiegen, einander embrassirten, und nach einem gar kurtzen Wort-Wechsel, ein jeder Seine Straße reiseten, auch hernach, da Herr Dr. Breithaupt von Dresden wieder zurück kommen, noch mehr zu Leipzig mit einander sprachen."

[2] Vgl. Biereye 1, 42f, und Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 338. Spener hat am 20.1.1690 von Francke einen Brief aus Erfurt erhalten, worin dieser ihm die Genesung Breithaupts von schwerer Krankheit mitteilte (ad Rech. 1, 458b vom 21.1.1690).

[3] Joachim Kistner (30.6.1646 - 1716) aus Eisenach, 1666 Studium in Jena, am 26.11.1671 in Eisenach ordiniert, im gleichen Jahr Diakon in Berka an der Werra, 1678 Pastor in Brotterode, 1685 Diakon der Augustinergemeinde in Erfurt, 1691 Pastor in Langula, 1699 Pastor in (Kahla-)Löbschütz (Bauer, Theologen, 114). Breithaupt wandte sich mit Erfolg vehement gegen eine Berufung Kistners als Pfarrer nach Schwerborn (Kreis Erfurt) (AFSt D 89,441-444 vom 13.3.1691; AFSt D 89,463-465 vom 23.3.1691; AFSt D 89,575-578 vom 13.6.1691).

[4] Etwa in den ersten Februartagen des Jahres 1690 hat Breithaupt Spener schriftlich von seinen Bestrebungen unterrichtet, Francke nach Erfurt zu berufen. Spener selbst äußerte sich dazu sehr positiv (ad Rech. 1, 450b vom 4.2.1690).

[5] Dekret des Rats durch Emmanuel Hogel an das Ministerium vom 8. Februar 1690 (AFSt D 84,27a-28a).

[6] Francke war zwar durch seine fünf Predigten im Dezember 1689/Januar 1690 in Erfurt nicht unbekannt (Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 338). Doch hatte er nicht in der Augustinerkirche gepredigt, so daß die Gemeinde ihn offensichtlich nicht sehr gut kannte und einen Nachfolger aus den Reihen der Erfurter Geistlichkeit zunächst ins Auge faßte.

[7] Brief der Augustinergemeinde an den Rat vom 24. Februar 1690 (erwähnt bei Biereye 1, 47).

Heinrich Süße (gest. 13.10.1699) aus Frauenstein, treuer Anhänger Breithaupts, Studium in Leipzig, kam Ende 1683 während der Pest nach Erfurt, am 10.2.1684 zum Nonarius (Neunprediger) ordiniert (Süße hatte in dieser Funktion die sonntäglichen Ratsgottesdienste um neun Uhr in der Predigerkirche zu halten), kurz darauf wurde er Professor am Ratsgymnasium, dieses Amt legte er 1689 nieder, als ihm das Rektorat der Predigerschule übertragen wurde, 1693 Pastor der Bonifatiusgemeinde in Sömmerda (Bauer, Theologen, 307 und 13).

[8] Die Stelle des Ratspredigers war höher dotiert als die des Augustinerdiakons (vgl. Biereye 1, 47f).

Brief Breithaupts an Georg Ulle, einen Amtmann in Schloßvippach und Glied der Augustinergemeinde, vom 27. Februar 1690 (StA Erfurt 1-1/X A I- 13,113ab; AFSt 84,30b-31): Der Duktus des Schreibens zeigt, daß Breithaupt bereits Vorabsprachen mit Francke getroffen hatte: "... so versichere hiermit, daß weder zur Abholung, und zur Ordination ichtwas sollte von ihr [sc. der Augustinergemeinde] gefordert werden, und Herr Magister Francke auch darin gern willige, daß die Gemeinde, sich zu erholen, das erste halbjährige Salarium nicht reichen dürffte; ..." 

[9] Vgl. Anm. 12.

[10] Francke hatte sich bei seinem Aufenthalt in Erfurt im Januar 1690 auf einen Lehrdisput mit einem Jesuitenpater eingelassen und dabei die Möglichkeit der Erfüllung des Gesetzes bejaht, außerdem die Autorität Luthers angegriffen und sich ausdrücklich keiner Konfession zugerechnet. Diese Aussagen wurden auf Veranlassung Kromayers dem Studenden Lage entlockt, der seinerzeit an dem Gespräch teilgenommen hatte. Kromayer versuchte damit Franckes vermeintliche Heterodoxie offenzulegen (Vernehmungsprotokoll vom 12. März 1690 im StA Erfurt X A 1,13,108ab; AFSt D 84,32ab); vgl. Biereye 1, 43.

[11] Vgl. Biereye 1, 48; Brief Franckes aus Lübeck an die Augustinergemeinde vom 29. März 1690 (AFSt D 88, 5a-6b).

[12] Brief des Rats an die Leipziger Theologische Fakultät vom 24. März 1690 (AFSt D 84,36b); Responsum der Leipziger Fakultät durch den Dekan Lehmann vom 26. März [präsentiert am 31. März] 1690 (AFSt D 84,39a- 40b; A 124,147a-148a; D 84,37b-38a; D 84,35ab; gedruckt bei Kramer BW 1861, 110f.). Die Anhänger Franckes legten unter dem 31. März 1690 Einspruch ein gegen das Leipziger Responsum (AFSt D 84,36a); vgl. dazu Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 338. 

Exkurs: Die Vokation Breithaupts zum Superintendenten nach Hildesheim

Als im Frühjahr 1690 der bisherige Hildesheimer Superintendent Heinrich Matthias von Brocke (4.9.1646-6.1.1708)[1], der im Sinne des Pietismus in Hildesheim gewirkt hatte[2], einem Ruf als Superintendent nach Altenburg folgte, fiel die Wahl des Stadtrates bei der Suche nach einem geeigneten Nachfolger auf Breithaupt, der inzwischen durch die Wirkung seiner Predigten, Vorlesungen und seiner von ihm eingerichteten erbaulichen Predigtwiederholungen über die Grenzen Erfurts hinaus bekannt geworden war. Der Ruf traf Breithaupt unvermittelt und setzte ihn in schwere Gewissenängste[3]. Am 9. April 1690 überreichte ihm eine Abgesandtschaft, die vorher seine Predigten gehört hatte, das Vokationsschreiben[4]. Erst sechs Wochen zuvor hatte sich Breithaupt für August Hermann Francke als Nachfolger für den aus dem Amt geschiedenen Diakon der Erfurter Augustinergemeinde Joachim Kistner eingesetzt[5], und wenige Tage zuvor hatte Francke aus Lübeck der Gemeinde seine Gastpredigt zugesagt[6]. Drei Tage nachdem Francke in Erfurt eingetroffen war, wendete sich Breithaupt schriftlich an den Rat der Stadt Hildesheim und bat um Bedenkzeit[7]. Etwa zur gleichen Zeit hatten sich Breithaupt wie auch der Rat der Stadt Erfurt wegen der Hildesheimer Vokation an Spener nach Dresden gewandt[8]. Wie aus Speners Antwort hervorgeht[9], hatte Breithaupt den Ruf als göttlich angesehen und tendierte offensichtlich von Anfang an dahin, Erfurt zu verlassen. Der Erfurter Stadtrat machte sich in erster Linie Sorgen, einen geeigneten Nachfolger zu finden und bestand auf Breithaupts Bleiben. Eine Fortsetzung seiner Arbeit in Erfurt hätte auch Spener gern gesehen; er rät aber davon ab, Breithaupt in seinem Gewissen zu binden[10]. Der Erfurter Senior hätte die Stelle des Superintendenten gern angenommen, weil er als solcher in Hildesheim nicht mit dem Beichtstuhl belastet gewesen wäre[11].

Nach der von ihm durchgeführten Examination Franckes am Donnertag nach Ostern, dem 24. April 1690[12], wandte sich Breithaupt Mitte Mai an den zuständigen Amtmann Joachim Beverburg in Hildesheim und teilt ihm mit, dass Gott sein Herz geneigt habe, die Berufung anzunehmen und bittet gleichzeitig um einen Reisevorschuss von 200 Talern. Eine endgültige Entscheidung aber stellte er für Pfingsten in Aussicht[13]. In der Zwischenzeit wendeten sich sowohl der Rat der Stadt Erfurt als auch Amtleute und Geistliche aus zahlreichen Erfurter Gemeinden sowie nochmals Erfurter Pastoren und Diakone an den Rat der Stadt Hildesheim und machten mit ihren Eingaben deutlich, Breithaupt unbedingt halten zu wollen[14]. Die Predigergemeinde sandte zudem eine Abordnung nach Hildesheim in Gestalt des Magisters Heinrich Süße (ca. 1653-13.10.1699) und des Juristen Christian Heinrich Weltz (get. 2.11.1651, begr. 17.8.1707)[15] zur Aufnahme direkter Verhandlungen. Am gleichen Tag, an dem die Deputierten nach Hildesheim aufbrechen, schreibt Breithaupt an den Rat der Stadt, dass der Erfurter Stadtrat sich massiv geweigert habe, ihm die Dimission zu erteilen. Die Angelegenheit müsse nun dem Willen Gottes überlassen werden[16]. Die Hildesheimer äußerten sich unterdessen betrübt über die Entwicklung, weil es den Anschein hatte, dass Breithaupt in Erfurt bleiben würde[17]. Endlich bittet Breithaupt Mitte Juli den Rat der Stadt Hildesheim um Erlassung der Vokation. Er müsse die Sache abschreiben, weil auch auf sein Memorial hin vom Rat keine Dimission erfolgt sei[18]. Die Angelegenheit kam endgültig zum Abschluss, als Johann Gottfried Westphall, der ständige Vertreter der Stadt Hildesheim, der sich während der Berufungsverhandlungen in Erfurt aufgehalten hatte, in seine Heimat zurückkehrte, wo er vor dem 23. August 1690 eingetroffen sein muss, zusammen mit den 200 Talern, die ihm Breithaupt vor seiner Abreise zurückgegeben hatte[19]. 

Diese Vokation wird im weiteren Verlauf seiner Bemühungen um Francke von Bedeutung. Ursprünglich wollte Breithaupt mit Francke, dessen Charisma und Wirkungsdrang auch den Erfurter Senior faszinierten, einen Mitstreiter der pietistischen Bewegung nach Erfurt holen. Aber mit der Vokation scheint sich diese Absicht geändert zu haben. Weil Breithaupt selbst nun Erfurt verlassen wollte, drängte er noch intensiver darauf, dass Francke so schnell wie möglich sein Amt in Erfurt antreten konnte, um gleichsam die Nachfolge Breithaupts anzutreten, freilich nicht in seinen Ämtern als Senior und Professor, sondern im Sinne eines Nachfolgers, der in der Lage war, die pietistische Bewegung, die Breithaupt seit seinem Amtsantritt aufgebaut hatte, als Träger zu übernehmen und zu fördern. Aber bis dahin hatte Breithaupt noch einige Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Zunächst opponierte der Stadtsyndikus Sömmering am 19. April 1690 gegen Franckes Berufung und versuchte beim Ministerium einen Aufschub bis nach Ostern zu erwirken. Die Ratsherren Dusch, Schorch und Ziegler beschlossen daraufhin, dem Senior aufzutragen, Francke nicht in der Augustinergemeinde predigen zu lassen.[20] Doch Breithaupt blieb standhaft. Am 20. April 1690 traf Francke in Erfurt ein und hielt mit Erlaubnis des Seniors einen Tag später, am Ostermontag, in der Augustinerkirche seine Gastpredigt, die die Hörer begeistert haben musste, denn bereits am nächsten Tage gingen Glieder der Augustinergemeinde von Haus zu Haus und sammelten Stimmen für Francke. Diese Unterschriften gingen mit einem entsprechenden Memorial an den Rat und an den Senior Breithaupt mit der Bitte, die Examination Franckes zu beschleunigen. Eine postwendende Beschwerde unter der Federführung von Peter Hoffmann an Breithaupt, die "Admittierung" Franckes wohl zu erwägen, die Ministerialen zusammenzurufen, einen einmütigen Beschluss zu fassen und dann den Rat darüber zu informieren, ignorierte der Erfurter Senior. Die Zeit drängte, denn die Hildesheimer warteten auf eine Entscheidung. Breithaupt terminierte daher unverzüglich am 23. April 1690, am gleichen Tag, an dem er die Hildesheimer um Bedenkzeit bittet, die Examination Franckes bereits auf den nächstfolgenden Tag. Der Senior kam nach vierstündigem Examen zu dem Ergebnis, dass Francke für das angestrebte Amt des Diakons geeignet sei und seine Orthodoxie unter Beweis gestellt habe.[21] Die vierzehn Geistlichen des Evangelischen Ministeriums, die der Examination ferngeblieben waren, legten bereits einen Tag später Protest gegen das Examinationsverfahren ein. Unterstützt wurden sie von einem scharfen Gutachten Johann Friedrich Mayers aus Hamburg gegen Francke.[22] Doch war der Druck Breithaupts und der Augustinergemeinde unter der Federführung von Zacharias Bernhard Apfelstedt bereits zu groß geworden.[23] Breithaupt erhielt daraufhin vom Rat das Dekret, die Ordination Franckes auf Montag, den 2. Juni 1690 zu terminieren.[24] Breithaupt versuchte seine Amtskollegen im Ministerium dadurch zu beruhigen, dass er Francke eine zusätzliche Lehrverpflichtung unterzeichnen ließ, in der sich dieser ausdrücklich in Fragen der Rechtfertigung und Vollkommenheit zu den Bekenntnisschriften verpflichten musste.[25] Am Montag vor Pfingsten, dem 2. Juni 1690, wurde er in seinem ersten Pfarramt überhaupt von Breithaupt ordiniert. Am 1. Pfingstag, dem 8. Juni 1690, hielt Francke dann seine Antrittspredigt.[26] Damit war es Breithaupt gelungen, gegen massiven Widerstand aus Teilen des Stadtrates und der Geistlichkeit mit August Hermann Francke eine weitere Galionsfigur pietistischer Frömmigkeit nach Erfurt zu holen.

[1] 1659 Besuch der Schule in Quedlinburg, Studium in Helmstedt (1664) und Jena (1665), wo er 1668 Magister wurde, 1672 Pastor in Hadmersleben, 1675 Pastor an Heiligengeist (vorher Lic. theol. in Jena) und 1680 Pastor an St. Johannis in Magdeburg, am 24.2.1685 Ruf zum Superintendenten nach Hildesheim und Promotion zum Dr. theol. in Jena, 1690 Generalsuperintendent und Konsistorialrat in Altenburg (DBA 146,261f und 322; Jöcher 1,1392; Zedler 4,1437; Stolberg Nr. 4174; Zeppenfeldt, Luise: Verzeichnis der evangelischen Geistlichen in Hildesheim bis 1866. In: Zeitschrift der Gesellschaft für niedersächsische Kirchengeschichte 34/35 (1929/30). S. 373f).

[2] Vgl. den Brief Speners an von Brocke in einer Vokationsangelegenheit vom 13. Dezember 1687 (LBed 1, Halle 1721, 397-399).

[3] Vgl. LB 1725, 70: "Ich war nun zwar des grossen Kummers, welchen die Hildesheimische Vocation mir zu gezogen, endlich befreyet..."

[4] Instruktionschreiben für die Deputierten von der Hildesheimer Amtsregierung vom 8. April 1690; Vokationsschreiben vom 9. April 1690 (Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 100, Nr. 88/60).

[5] Brief Breithaupts an den Amtmann G. Ulle vom 27.2.(9.3.)1690 (AFSt 84,30b-31). Zu Kistner vgl. Anm. 50.

[6] Brief Franckes an die Augustinergemeinde vom 29.3.(8.4.) 1690 (AFSt D 88,5a-6b).

[7] Brief Breithaupts an den Rat der Stadt Hildesheim vom 23.4.1690 (Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 100, Nr. 88/60).

[8] Vgl. LBed 3, 217.

[9] LBed 3, 217f: Spener an [den Rat der Stadt Erfurt] vom Mai/Juni 1690.

[10] LBed 3, 217: "...aus welchen er sich göttlichen willens, so ihn nach Hildesheim ziehe, überzeuget achtet,..." "...weil wegen eines successoris vielleicht nicht zu hoffen seyn möchte, was man bilich wünschete."

"...wo es meinem eignen wunsch und verlangen sollte nachgehen, so würde keine änderung vorgehen, sondern ihr geliebter Herr Senior bey ihnen bleiben..."

LBed 3, Halle 1721, 217f: "...daß ich zwar meine gegenursachen nach vermögen vorgestellet, aber nicht getraue, ihn blosser dings in seinem gewissen darzu zu verbinden, meinem wunsch nachzuleben..."

[11] "Und leugne ich keines weges, gestehe es vielmehr von selbsten, nicht ohne Beschämung vor GOtt; daß solche unerträgliche Beicht=Sorge die caussa impulsiva gewesen, um welcher Willen ich Anno 1690 die würcklich an mich ergangene Vocation zur Hildesheimischen Superintendentur, als welche von dem eigentlichen Beichtsitzen, in Pastoralibus functionibus, frey ist, nicht abgeneigt gewesen anzunehmen..." (LB 1725, 65).

Das Abnehmen der Beichte "Insonderheit wegen der Menge, und derer Seelen so sehr unterschiedenen Beschaffenheit" war für Breithaupt in seinen Amtspflichten "die schwehreste Last", obschon "die Confitenten" "willig" "waren", sich "vor der Beicht ... einige Tage zu melden und prüfen zu lassen." (LB 1725, 64). Bei Spener findet sich eine ähnliche Problematik (vgl. Wallmann, Johannes: Philipp Jakob Spener. In: Christian Möller (Hg.): Geschichte der Seelsorge in Einzelporträts. Bd. 2: Von Martin Luther bis Matthias Claudius. Göttingen und Zürich 1995. S. 261-277).

[12] Vgl. Kramer BW 1861, 112f.

[13] Brief Breithaupts an Joachim Beverburg in Hildesheim vom 16.5.1690 (Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 100, Nr. 88/60).

[14] Brief vom Rat der Stadt Erfurt an den Rat der Stadt Hildesheim vom 30.5.(9.6.)1690; Brief von Amtleuten und Geistlichen aus Erfurt an den Rat der Stadt Hildesheim vom 16.6.1690 (Unterschriften aus den Gemeinden St. Johannes, Regularium, St. Andreas, St. Thomas, Predigergemeinde und Barfüßergemeinde, u.a. auch von Zacharias Hogel, seinem Kontrahenten in dem wenige Monate später entbrennenden Streit um die Möglichkeit der Haltung des göttlichen Gesetzes); Brief von Pastoren und Diakonen (u.a. Francke) aus Erfurt an den Rat der Stadt Hildesheim vom 17.6.1690 (Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 100, Nr. 88/60).

[15] Brief der Inspektoren der Predigergemeinde an den Rat und Bürgermeister der Stadt Hildesheim vom 18.6.(28.6.)1690 (Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 100, Nr. 88/60).

Dr. Christian Heinrich Weltz, Assessor des Evangelischen Ministeriums, Inspektor des Ratsgymnasiums, der Predigerkirche und der Thomaskirche mit ihren Schulen (Bauer, Ratsherren, 137).

Zu Süße vgl. Anm 54.

[16] Brief Breithaupts an den Rat der Stadt Hildesheim vom 19.6.1690: "...indem nicht allein die Gemeinde, als Sie vernommen, daß abermahl iemand ankommen und was derselbe mitgebracht, sondern auch E. E. hochw. Raht mich zu dimittiren auffs euserste geweigert,..." (Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 100, Nr. 88/60).

[17] Brief des Rats der Stadt Hildesheim an Breithaupt vom 23.6.1690 (Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 100, Nr. 88/60).

[18] Briefe Breithaupts an den Rat der Stadt Hildesheim vom 15.7.1690: Breithaupt müsse "vielmehr nun auch meines Orths gäntzlich die Sache abschreiben, weil ja doch keine dimission erfolgen würde..." und vom 8.8.1690 (Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 100, Nr. 88/60). 

[19] Brief Breithaupts an Johann Gottfried Westphall vom 23.8.1690 (Stadtarchiv Hildesheim, Bestand 100, Nr. 88/60).

[20] Vgl. Biereye 1, 49.

[21] Vgl. Biereye 1, 50; außer Breithaupt erschienen von den Geistlichen nur Glörfeld, Süße und Pfeiffer. Am gleichen Tag beantragten die vier die Bestätigung der Examination durch den Rat (AFSt A 124,90ab; vgl. Kramer BW 1861, 112f).

[22] Schreiben Augustin Friedrich Kromayers an den Rat vom 25. April 1690 (AFSt D 84,41ab und 44ab; A 111,2b-3c Sc III); vgl. Biereye 1, 50f. Freundlicher war ein Gutachten des Juristen Benedikt Friedrich Carpzovs aus Leipzig (vgl. Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 338).

[23] Durch Eingaben vom 12. Mai, 26. Mai und 31. Mai 1690 drängte die Augustinergemeinde schriftlich beim Rat auf Konfirmation, dh Bestätigung, und Ordination Franckes. Anfang Juni wurde Francke dann vom Stadtsyndikus Friesen im Diakonat konfirmiert. Dem Stadtschreiber Hogel wurde zugleich befohlen, Francke dem Senior Breithaupt zu präsentieren (Biereye 1, 51).

[24] Doch sollte das gesamte Ministerium am 31. Mai nochmals zu einer abschließenden Beratung zu Franckes Rechtgläubigkeit zusammenkommen. Am 30. Mai erschienen zwei der protestierenden Geistlichen, nämlich Kratzenstein und Klesch, um sich und sieben weitere Geistliche zum neu anberaumten Termin zu entschuldigen (Biereye 1, 51).

[25] Memorial Breithaupts an das Ministerium vom 31. Mai 1690 (AFSt D 89,870; D 84,51a-52a; StA Erfurt 1-1/ X A I-13,114a); Revers Franckes gegenüber der Augustinergemeinde, dem Ministerium und dem Rat vom 31. Mai 1690 (AFSt D 84,20-22; A 111,8a-11a Sc III).

[26] Vgl. Biereye 1, 51f; Kramer BW 1861, 81. 

IV. Der Hogelstreit

Im Jahre 1689 war in Leipzig ein Streit entbrannt um die Frage, ob ein Wiedergeborener die Gebote Gottes halten könne.[1] Die Frage nach der Gesetzeserfüllung war es, an der sich die Rechtgläubigkeit des Pietismus erweisen musste. In dieser Kontroverse stießen die Positionen der lutherischen Spätorthodoxie und des Pietismus auf dogmatischem Gebiet aufeinander. Im Grunde war man sich einig: Wiedergeburt (regeneratio) ist zu verstehen als Taufwiedergeburt. Hier konstituiert Gott seine Heilszusage an den Menschen ohne Eigenleistung desselben. Der Täufling wächst nun auf im Bewusstsein der Rechtfertigung sola fide. Aus diesem Bewusstsein und dieser Freiheit von jeder Eigenleistung entspringen die Früchte des Glaubens von selbst. Während die Orthodoxie aber die Rechtfertigung sola fide betonte, legte der Pietismus weitaus mehr Gewicht auf die dem Glauben entspringende neue Existenz, die sich in der Praxis pietatis massiv manifestiert.

Auch Erfurt blieb von einer solchen Auseinandersetzung nicht verschont. Im Dezember 1690 kam es zwischen Breithaupt und Zacharias Hogel[2], dem Rektor des Erfurter Ratsgymnasiums, zur Auseinandersetzung um diese Frage. In den ersten Dezembertagen hatte Hogel in der zweiten Klasse des Gymnasiums seine Schüler gelehrt, dass ein Christ in keinem Falle die 

Gebote Gottes halten könne. Dies hatte Anstoß in der Schülerschaft erregt. Breithaupt sah sich als Ephorus des Gymnasiums berechtigt und verpflichtet, dagegen vorzugehen. Ihm lag daran, dass die Schüler zu einem tätigen Christentum erzogen wurden und dazu, auf die aus der Rechtfertigung folgende Heiligung, auf die Früchte des Glaubens zu achten. Hogel war streng lutherisch argumentierend darauf bedacht, jede mögliche Eigenleistung des Menschen an seinem Heil auszuschließen, mithin jede Möglichkeit, die Gebote Gottes zu halten. Für Breithaupt war mit einer solchen Möglichkeit keineswegs die Rechtfertigung sola fide angetastet. Aber jede Negation einer möglichen Gesetzeserfüllung vom Menschen aus musste endlich in eine moralische Indifferenz führen. Gerade die Schüler sollten von Anfang an zu Ernsthaftigkeit und christlichem Lebenswandel erzogen werden. Maßstab dafür waren nun einmal die Gebote Gottes, deren Einhaltung die Rechtfertigung nicht nach sich zieht, sondern voraussetzt.

Fragt man nach den Wurzeln dieses Streites, so muss man zurückgehen bis zum Anfang des Jahres 1690. Zu dieser Zeit hielt sich bekanntlich August Hermann Francke zweimal kurze Zeit in Erfurt auf. Bei einem dieser Aufenthalte hatte er am Collegium eines Jesuitenpaters teilgenommen und wurde von diesem in einen Disput verwickelt, in dessen Verlaufe Francke die Frage, ob er das Gesetz erfüllen könne, offensichtlich relativ undifferenziert bejahte. Als Francke nach Erfurt berufen werden sollte, erinnerte sich Kromayer an diesen Vorfall und brachte ihn zur Anzeige, um Franckes Heterodoxie aufzuzeigen und somit dessen möglichen Amtsantritt zu verhindern.[3] Dies gelang bekanntlich nicht, dennoch scheint die orthodoxe Stadtgeistlichkeit Erfurts seitdem eine gewisse Sensibilität entwickelt zu haben für dieser Thematik.

Nachdem Breithaupt von den Aussagen Hogels erfahren hatte, kam es zu einer Anhörung der Gymnasiasten durch den Senior. Am 12. Dezember 1690 wendete sich Breithaupt schriftlich an Hogel[4], um dessen Lehre zu widerlegen und diesen zu maßregeln. Es wird sogleich deutlich, dass der Magister Hogel in der theologischen Gelehrsamkeit nicht vor Breithaupt würde bestehen können. Im Ton moderat, in der Sache jedoch bestimmt widerlegt Breithaupt die Hogelsche Lehre durch die Heilige Schrift, die Bekenntnisschriften sowie durch Autoritäten wie Carpzov, Chemnitz, Gerhard und nicht zuletzt Spener.[5] In seinem Antwortschreiben drei Tage später, welches er nicht direkt an Breithaupt richtete, sondern diesem über den Magister Süße zustellen ließ, hatte Hogel dann auch theologisch nichts entgegenzusetzen. Er beschwerte sich nur über die Anhörung der Gymnasiasten durch Breithaupt zu seinem Unterricht und sah in diesem Vorgang einen Angriff auf seine Autorität als Rektor.[6] Hogel blieb jedoch bei seiner Lehre. Einen Tag später bereits bemühte sich Breithaupt um eine Konferenz des Evangelischen Ministeriums gegen Hogel, der dies offenbar vermeiden wollte und wiederum den M. Süße in der aufgebrochenen Lehrauseinandersetzung um weitere Vermittlung bat.[7] In den folgenden Tagen zog die Auseinandersetzung weitere Kreise.[8] Hogel hatte offensichtlich schnell erkannt, dass er theologisch unterlegen war und sich gegen das von Breithaupt mobilisierte Ministerium nicht hätte durchsetzen können. Er wendete sich darum an den Rat der Stadt Erfurt als weltliche Obrigkeit und berichtete über den Lehrstreit seit dem 6. Dezember 1690.[9] Damit hatte er den Streit auf die politische Ebene ausgeweitet. In der Zwischenzeit wurde der Streit auch auf den Kanzeln ausgetragen. Die Erfurter Geistlichkeit drohte sich in zwei Lager aufzuspalten. Am 26. Januar 1691 nahm Breithaupt eine Predigt über Amos 5, 13 ("Darum muss der Kluge zu dieser Zeit schweigen; denn es ist eine böse Zeit") zum Anlass, sich gegen die Feindseligkeiten mehrerer Geistlicher zu äußern.[10] Die darauf folgende Protestation durch Vertreter des Rats und der Geistlichkeit (außer Francke, Süße und Pfeiffer) führte zur Anweisung des Rates, sich der scharfen Predigten zu enthalten.[11] In den ersten Februartagen wurden zudem von beiden Seiten (aber nicht von Breithaupt persönlich) Gutachten verschiedener Universitäten beantragt.[12] Die beim jährlichen Ratswechsel 1690/91 - aus Gründen, die uns im nächsten Kapitel beschäftigen werden - eingesetzte Inquisitionskommission legte - auch in Folge der Predigt Breithaupts vom 26. Januar - zudem zur Thematik der Kontroverse den "unverdächtigen Geistlichen" zehn Fragen zur Beantwortung vor.[13] Offensichtlich konnten sich die unverdächtigen Erfurter Geistlichen zunächst nicht dazu entschließen, die Fragen zu beantworten. Dreimal mussten sie dazu von der Inquisitionskommission ermahnt werden.[14] Breithaupt selbst versuchte intensiv, die Beantwortung der Fragen von den unverdächtigen Geistlichen zu verhindern. Er befürchtete eine Spaltung der Geistlichkeit, die in der Tat bereits begonnen hatte durch die Unterscheidung von unverdächtigen und damit notwendigerweise verdächtigen Geistlichen.[15] Hogel selbst erreichte die Unterstützung seiner Position durch die Inquisitionskommission und den Rat der Stadt, wobei seinem Bruder, dem Stadtschreiber Emmanuel Hogel, eine nicht zu unterschätzende Rolle zukam. [16] Breithaupt verlangte seine Anhörung im Evangelischen Ministerium zum Hogelstreit und erhielt dabei Unterstützung durch den Rat.[17] Es muss bezweifelt werden, ob es zu dieser Anhörung gekommen ist. Am 3.3.1691 jedenfalls liegt die Antwort von vierzehn Geistlichen (außer Breithaupt, Francke und Sack) auf die zehn Fragen der Kommission vor.[18] Am gleichen Tag erhält Breithaupt nochmals die Zusage durch den Rat zur Anhörung, die aber am 16. März 1691 noch immer nicht erfolgt ist.[19] Breithaupt sah nun keine andere Wahl mehr, als eine Entscheidung durch den Statthalter herbeiführen zu lassen, der bereits zuvor die Inquisitionskommission für ihr einseitiges Vorgehen gerügt hatte.[20] Am 2. April 1691 schließlich kam es zur Anhörung Breithaupts und Hogels vor dem Rat in Anwesenheit von Mitgliedern des Evangelischen Ministeriums.[21] Zu einem konkreten Ergebnis hat die Konferenz nicht geführt, denn am 28. April wendete sich Breithaupt erneut an den Rat mit einer Darstellung des Streits und mit einer Protestation gegen das widerrechtliche Handeln der Inquisitionskommission.[22] In der Zwischenzeit waren die erbetenen Gutachten in Erfurt eingetroffen. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass fast alle Gutachten für den Erfurter Senior positiv ausfielen.[23] Damit hatte Breithaupt auf theologischem Gebiet gesiegt. Offen war aber die politische Entwicklung in Erfurt. Eine Wende wurde auch hier eingeleitet dadurch, dass sich der Jenaer Professor Philipp Müller zur Ausarbeitung eines Vergleichs angeboten hatte.[24] Dieser Vergleich lag am 11. Juni 1691 vor.[25] Am gleichen Tag wurde er von allen Beteiligten unterzeichnet. Auf diffizile Art und Weise wird darin die Frage "An renatus mandata DEI implere possit" erörtert. Zunächst wurde die Rechtfertigung allein aus Glauben festgehalten und die dem Menschen zeitlebens anhaftende Schwachheit, auf Grund der es niemals eine vollkommene Haltung des Gesetzes Gottes geben könne, die den Menschen aber auch nicht daran hindert, den Geboten Gottes zu gehorchen und danach zu streben, sie zu halten. Der Gerechtfertigte habe die Möglichkeit und Verpflichtung eines moralisch-tätigen Christentums. Es wurde ausdrücklich betont, dass der "... Wiedergeborene im Stande guter werke könne, solle, und müsse erfunden werden."[26] Am 9. Juli berichtete Breithaupt Spener in Berlin vom Friedensschluss mit Hogel.[27] Damit hatte Breithaupt recht erhalten; doch auch Hogel durfte nicht unzufrieden sein durch die im Vergleich enthaltene starke Betonung der Rechtfertigung sola fide. Dennoch war der Sieger Breithaupt der große Verlierer. Durch den Streit mit Hogel waren die Einheit und Einigkeit der Erfurter Geistlichen endgültig zerbrochen.[28] Merkwürdig bleibt die plötzliche Bereitschaft Hogels zum Einlenken. Doch hatte die orthodoxe Stadtgeistlichkeit, wie wir im folgenden Kapitel sehen werden, in der ersten Jahreshälfte 1691 weit bessere Munition gesammelt zum Angriff auf Breithaupt und Francke. Der Hogelstreit war an den Rand gerückt. Er hatte Erfurt ein vergiftetes Klima und eine zerstrittene Pfarrerschaft hinterlassen. In dieser Situation betrat Augustin Friedrich Kromayer, der von Anfang an Breithaupts Gegner gewesen war, die Arena. 

[1] Vgl. ad. Rech. 1,258a (14.10.1689).

[2] Zacharias Hogel III. (get. 20.9.1637, begr. 28.4.1714), Magister, Studium in Wittenberg und Helmstedt, 1660 Konrektor der Johannesschule in Erfurt, 1666 Rektor des Gymnasiums in Weimar, 1676 Rektor des Ratsgymnasiums, 1680 auch Professor der Geschichte in Erfurt, 1706 Professor für orientalische Sprachen und Dekan der philosophischen Fakultät (Bauer, Theologen, 195f). Zum Hogelstreit vgl. auch Kramer BW 1861, 104 und 118ff.

[3] vgl. Anm. 57.

[4] Breithaupt an Hogel vom 12.12.1690 (AFSt D 84,81a-82b; D84,93a-94b = der Inquisitionskommission präsentiert am 14.1.(24.1.)1691; A 124,2a- 4b; D 106, 1a-6a; StA Erfurt 1-1/X A I-13,69a-70b); vgl. auch Moller 1, 120.

[5] Breithaupt bediente sich derselben Unterscheidung wie sie Spener auch verwendete (vgl. Anm. 86): Er differenziert zwischen Halten und Erfüllen der Gebote (servare und implere legem). Eine vollkommene Haltung (Erfüllung) des Gesetzes sei unmöglich. Dennoch sei der gerechtfertigte Mensch in der Lage zur Haltung der Gebote Gottes, nicht im Sinne des Urteils Gottes über den Sünder, sondern als Anleitung des allein aus Gnade gerechtfertigten Sünders zu einem tätigen Christentum. Hogel hielt diese Bezeichnungen für synonym. Jedwedes Postulat einer Gesetzeserfüllung war für ihn ein Angriff auf die reine lutherische (Rechtfertigungs-) Lehre.

[6] Brief von Hogel über H. Süsse an Breithaupt vom 15.12.(25.12.)1690 (AFSt D 84,95a).

[7] Breithaupt an das Evangelische Ministerium vom 16.12.(26.12.)1690 (AFSt A 124,54a-55b); Hogel an Süße vom 17.12.(27.12.)1690 (AFSt A 124,52ab; D 84,95b+83a; D 84,96a-97a).

[8] Interessant ist es zu sehen, wie diese Kontroverse an verschiedenen Stellen in Erfurt zu gären begann und auch literarisch ihren Niederschlag gefunden hat (vgl. die Thesen E. Machenhauers zur Rechtfertigung und Heiligung [AFSt D 89,61a; A 124,51a; A 124,52b-58a; D 84,90b; D 106,44a-45a Sc IV], die 15 Thesen Franckes zum gleichen Thema [AFSt A 124,185a-186a; D 89,139-141; D 89,795f+771f; A 111,39a-41a Sc II] sowie den Bericht von J.Ph. Eysell zur Auseinandersetzung zwischen C. Moritz und seinem Informator Sultzberger über die Frage nach der Vollkommenheit [AFSt D 89,206-257]).

[9] Hogel an den Rat ab dem 19.12.(29.12.)1690 (AFSt D 89,99a-109a; A 124,46a-50a; D 84,83b-90a; D 84,91a-92a; D 106,21a-33a).

[10] Die Predigt ist nachschriftlich erhalten (AFSt D 89, 187-194). [11] Vgl. Biereye 2, 26.

[12] Vgl. etwa Schreiben von H. Süße und L. Pfeiffer an die Theologische Fakultät Jena (AFSt D 89, 47ab); Brief Hogels an die Universität Gießen (AFSt D 89, 227-229); Schreiben einiger Mitglieder des Ministeriums an das Fürstlich-Sächsische Oberkonsistorium zu Gotha (AFSt D 89,321-322; D 106,33a-34a Sc IV).

[13] Dekret der Inquisitionskommission vom 6.2.1691 (AFSt D 89,237; A 124,30a; D 89,256; D 106,8a Sc IV), als Anlage die zehn Fragen (AFSt D 89,239-242; A 124,26ab+30a; D 89,255-256).

[14] Erste Ermahnung vom 16.2.(26.2.)1691 (AFSt D 40,671; D 89,257f); zweite Ermahnung vom 20.2.(2.3.)1691 (AFSt D 40,673; D 89,285); dritte Ermahnung vom 23.2.(5.3.)1691 (AFSt D 89,289). Vgl. das Begleitschreiben Kromayers an die unverdächtigen Geistlichen vom 17.2.(27.2.)1691 zur ersten Ermahnung (AFSt D 40,671; D 89,258). 

[15] Breithaupt gibt dieser Befürchtung Ausdruck im Schreiben an seine Amtsbrüder vom 18.2.(28.2.)1691 (AFSt A 124,27ab; D 89,267; D 89,273- 274; D 89,269-272; D 106,8b-10b Sc IV ): "..., weil auff diese gestellte Fragen zu antworten ein frustraneus labor seyn würde, auch da einige uns als verdächtig angegeben werden, eine solche separation unser Amptsbrüderl[icher] Einigkeit, welche Gott mildväterlich erhalten wolte! gantz praejudicirlich ist." (AFSt A 124,27a). Im selben Schreiben protestiert Breithaupt gegen die Versammlung der unverdächtigen Geistlichen vom 6.2. (16.2.)1691.

[16] Dekret der Inquisitionskommission durch E. Hogel an Z. Hogel vom 20.2.(2.3.)1691 (AFSt D 89,372; A 124,60ab; D 89,283; D 106,19ab Sc IV; vgl. Biereye 2, 27), gegen die widerrechtliche Verlesung dieses Dekrets im Gymnasium protestierte Breithaupt schriftlich beim Rat vor dem 16.3. (26.3.)1691 (AFSt D 89,335-336; A 124,69ab+76a; D 106,63a-64a Sc IV); Attestat des Rates durch E. Hogel an Z. Hogel (AFSt D 89,351; A 124,59ab+64ab; A 111,5b-6a Sc II). Breithaupt protestierte am 3.3. (13.3.)1691 gegen die einseitige Unterstützung Hogels (AFSt A 124,81ab- 85ab; D 89,355-358; D 89,359-365; D 106,45a-48b Sc IV). Auch die Professoren des Ratsgymnasiums in Gestalt von F.W. Förster, J.S. Höe, G.A. Wollenhaupt und A. Eysel stellten sich hinter Hogel (AFSt A 124,61a-62b).

[17] Vgl. den Beschluß aller evangelischen Ratssenioren (außer J.v. Brettin und W. Wintzheim) an die unverdächtigen Geistlichen vom 26.2.(8.3.)1691, Breithaupt vor Beantwortung der zehn Fragen zu hören (AFSt D 89,311; D 89,307; D 89,309-310; D 106,7b-8a Sc III; D 106,19b-20a Sc IV). Dieselben Ratsherren hatten am 6.3.(16.3.)1691 ausführlich Protest beim Statthalter gegen das allzu feindselige Vorgehen der Inquisitionskommission gegen Breithaupt eingelegt (AFSt D 89,447-450; A 124,86a-87b; D 89,451- 456; D 106,49a-52a Sc IV), wofür dieser sich am 13.3.(23.3.)1691 bedankt (AFSt A 124,88a-89a). Die Unterstützung Hogels und die gleichzeitige Parteinahme des Rats für Breithaupt ist ein deutliches Indiz für die Uneineinigkeit der Ratsmitglieder untereinander.

[18] Vgl. Biereye 2, 27; danach in der Landesbibliothek Weimar, Akte "Pietistische Händel in Erfurt" 167, 10 vorhanden).

[19] Dekret des Rats durch E. Hogel an Breithaupt vom 3.3.(13.3.)1691 (AFSt D 89,439; A 124,83a; D 89,353-356; D 106,8b-9a Sc III). Vgl. die erneute Bitte Breithaupts an den Rat um Anhörung im Hogelstreit aus den Tagen vom 16.3.(26.3.)1691 bis 21.3.(31.3.)1691 (AFSt A 124,84ab; D 89,337-338; D 106,64a-65a Sc IV).

[20] Bericht von W. Wintzheim zur Rüge des Statthalters am 15.3. (25.3.)1691 (AFSt D 81,141; A 11,36ab Sc II); Memorial Breithaupts an den Rat mit Bitte um Entscheidung durch den Statthalter vor dem 16.3. (26.3.)1691 (AFSt D 89,335-336; A 124,69ab+76a; D 106,63a-64a Sc IV); Memorial aller Evangelischen Ratssenioren (außer J.v. Brettin und W. Wintzheim) an den Statthalter mit Übermittlung von Breithaupts Bitte um Schutz und Rechtfertigung im Hogelstreit (AFSt D 89, 503-504; D 106,61b- 62b Sc IV).

[21] Vgl. die Protokolle der Sitzung vom gleichen Tag (AFSt D 89,477-488; D 89,489-496; D 89,497-501).

[22] Memorial Breithaupts an den Rat vom 28.4.(8.5.)1691 (AFSt A 124,65a-68; D 89,525-536).

[23] 1. Gutachten vom Dekan, Senior und Doktoren der Theologischen Fakultät in Jena vom 12.2.1691 (AFSt A 124,7a-10b): "Wenn auf diese arth der Status controversiae formirt wird, (wie er nach eingelangten Schreiben 

des Herrn Senioris nicht wohl kan anders formiret werden) So halten wir dafür, daß die von dem HEn Seniore gebrauchte Redens=arth, daß man die gebotte halten könne, wohl gebrauchet und mit guten gründen behauptet werden könne,..." (8a).

2. Gutachten vom Superintendenten, Senior und Pastores und sämtlichen Predigern des Ministeriums in Lübeck vom 20.4.1691 (AFSt A 124,42-45b): Ein widergeborener Christ könne zwar wegen der anklebenden Sünde nie zur Vollkommenheit der Heiligung gelangen, andererseits können "wissentliche und vorsetzliche Sünden ... mit dem geistlichen Leben, das im glauben an den Sohn Gottes besteht, nicht zusammen stehen, sondern, es fällt der Mensch dadurch aus Gottes Gnade, und in den geistlichen Todt." (42b).

3. Gutachten des Gothaischen Konsistoriumspräsidenten Magnus Saul vom 31.3.1691 (AFSt A 124,32a-41a): Man komme zu dem Schluß, "daß die Thesis des Senioris wie sie von Ihm proponiret und limitiret wird, allerdings in gottes wort fundiret, und weder denen Symbolischen Büchern, noch der sententia[e] Orthodoxorum Theologorum entgegen seÿ." (32b).

4. Gutachten der Professoren der Theologischen Fakultät Wittenberg vom 10.3.1691 (AFSt D 89, 399-411): "Denn das ist sein Gebots, daß wir glauben an den Nahmen seines Sohnes Jesu Christi, und lieben uns ... Diß seyn ja Gebothe, aber nicht des Moralischen Gesetzes, sondern des gnadenreichen Evangelii, die sollen, können und wollen alle rechtschaffene wiedergebohrene Christen halten, und kan auch keiner ein wiedergebohrener Christ seyn, der sie nicht hält." (404b-405a).

5. Gutachten von Philipp Ludwig Hanneken aus Gießen vom 28.2.1691 (AFSt D 89,323-328). Obwohl auch Hanneken nicht aggressiv gegen Breithaupt argumentiert, haben die Erfurter Pietisten dieses Gutachten sehr negativ aufgenommen. Der Magister Süße protestierte dagegen (AFSt D 89,67-72).

Breithaupt selbst äußerte sich sehr betrübt über Äußerungen Hannekens zu den Erfurter Pietisten und auch zu Spener persönlich in einem Brief an Johann Heinrich Mai in Gießen vom 7.4.1691 (StUB Hamburg, Sup. ep. (4°) 13, 107a-108b). Das von Hogel von der gesamten Gießener theologischen Fakultät erbetene Gutachten nicht zustande, "...weil er [sc. Hanneken] einen neben sich habe [sc. Mai], der es nicht mit ihm halte und dem Spenerianischen quackerischen wesen ergeben wäre" (ebd., 107b). So hat Hanneken das Gutachten allein verfaßt.

[24] Wahrscheinlich aber hat Müller "auf höhere Veranlassung" gehandelt und wurde mit der Ausarbeitung des Vergleichs beauftragt (Biereye 2, 27).

[25] Protokoll zum Friedensschluß zwischen Breithaupt und Hogel vom 11.6. (21.6.)1691, unterzeichnet neben den beiden Streitenden von Ph. Müller und J.Friese (AFSt A 124,77a-79b; D 89,567-574). Philipp Müller (1640- 1713), Professor in Jena und Propst zu Magdeburg (ADB 22,668; Jöcher 3,741f). Müller war mit Hogel bekannt und konnte ihn zu einem Vergleich bewegen. Müller hat sich daraufhin bei Breithaupt angemeldet und zusammen mit dem Stadtsyndikus nach dessen Meinung dazu gefragt. Der Senior hat sich - auf seine Gemeinde sehend - dazu bereit erklärt, "dafern nur göttlicher Warheit nichts zu nahe gesche" (AFSt D 88,18a).

[26] AFSt A 124,78a. [27] AFSt D 88,18ab.

[28] Seine Anhänger fand Breithaupt neben dem Magister Heinrich Süße (vgl. Anm. 54) in dem Pfarrer der Reglergemeinde Johannes Glörfeld (gest. 12.5.1694), dem Diakon Kromayers in der Barfüßergemeinde Magister Johann Laurentius Pfeiffer (14.8.1662-1.1.1743) und dem Diakon seiner eigenen Gemeinde Johann Georg Sack (get. 24.4.1634, begr. 18.12.1694) (Bauer, Theologen, 163f, 247f, 271). 

V. Breithaupts Collegium pietatis

1. Die historische Entwicklung

Breithaupt hat an allen Orten seiner Wirksamkeit die für den Pietismus typischen Konventikel eingerichtet. Als Konrektor der Fürstlichen Schule in Wolfenbüttel, seiner ersten Anstellung, hat er im Jahre 1680, fünf Jahre nach dem Erscheinen von Speners Pia Desideria, ein Collegium gegründet: "Da nun also mit denen adultis, welche zum Heiligen Abendmahl gehen, samt dem Rectore zu tun hatte; so hat sich daneben der größte geistliche Segen bald herfür gethan, als nur einmahl intimirte, es möchten diejenigen, welche zur Beicht und Communion nahen wollten, vorhero bey mir privatissime sich melden, und prüfen lassen. Denn, von der Zeit an kamen sie ultro und ungezwungen: und nicht weniger des Sonntages, nach dem Heil. Werck gegen den Abend, versammleten sich bey mir wiederum die der S. Coenae genoß und theilhafftig worden, auf daß sie sich im neuen Vorsatz durchs Wort und Gebet erwecketen und stärcketen; Wobey man denn, nechst der Heil. Schrifft, Catechismo und Compendio, die Lesung Joh. Arndts Bücher vom wahren Christenthumb, und dessen Paradieß=Gärtlein, wie auch D. Lütkemanns Vorgeschmack Göttlicher Güte, recommendiret hat, und, nach geendigter Andacht, Gelegenheit genommen, singulatim einigen, die es benöthiget, besondere Erinnerungen mitzutheilen."[1] Seine Erbauungsversammlung nahm ein jähes Ende, als er im September 1681 Wolfenbüttel wegen der herannahenden Pest verlassen mußte und seine Studien bei Christian Kortholt in Kiel fortsetzte.

Im Jahre 1685 erhielt Breithaupt einen Ruf als Prediger und Konsistorialrat an den Hofe des Herzogs Bernhard nach Meiningen. Hier richtete Breithaupt neben dem Gottesdienst Erbauungsversammlungen ein, die er von nun an bis zu seinem Ausscheiden in Erfurt als Predigtwiederholungen bezeichnet. Er rückte dabei ab von der erbaulichen Lektüre Arndts und Lütkemanns, aber auch vom Bibelstudium und der Beschäftigung mit dem Katechismus. Die Versammlung nahm ihren Ausgangspunkt nunmehr ausschließlich vom Predigttext. Was Breithaupt zu dieser Änderung veranlaßt hat, wissen wir nicht. Man wird aber nicht fehl gehen, wenn man die Gründe sucht in der Zeit seines Aufenthalts im Hause Philipp Jakob Speners in Frankfurt am Main 1682/83. Spener traf sich bekanntlich zweimal wöchentlich mit seinem Collegium, und zwar montags zur Wiederholung der des Sonntags gehörten Predigt, und mittwochs zur erbaulichen Bibellektüre.[2] Die Predigtwiederholungen Speners in Frankfurt haben Breithaupt offensichtlich nach Inhalt und Wirkung an den Teilnehmern überzeugt. Wie wir noch sehen werden, hat er dagegen den 1682 vollzogenen Umzug des Frankfurter Collegiums in die Barfüßerkirche nicht positiv sehen können.

Die Praxis der Predigtwiederholungen behielt er auch während seiner Zeit in Erfurt bei. In seiner Antrittspredigt vom 17. April 1687 in der Predigerkirche stellte Breithaupt neben der öffentlichen Predigt als Pflicht des Pfarrers auch die "Privatinformation" heraus.[3] Er begann daher nach seinem Amtsantritt in den ersten beiden Jahren 1687 und 1688 damit, sonntags in seinem Hause zunächst mit einigen jungen Leuten die Predigt zu wiederholen[4] und zwar "per modum catecheticum"[5], nach der didaktischen Methode des Katechismusunterrichts, dh im Stil von Frage und Antwort. Ziel war eine Auslegung mit Blick auf die Praxis Pietatis hin. 

Im dritten Jahr seiner Wirksamkeit in Erfurt 1689 bat ihn eine Anzahl von Frauen und Männern zumeist aus der Predigergemeinde, den Predigtwiederholungen zuhören zu dürfen.[6] Im Sommer 1689 nahmen also erstmals Erwachsene an Breithaupts Versammlung teil. An Methode und Inhalt hatte Breithaupt nichts geändert. Der Gesprächscharakter des Frankfurter Collegiums Speners, in dem jeder Teilnehmer das Wort ergreifen durfte, ist jedoch zumindest partiell aufgebrochen. Wohl aber waren die Teilnehmer durch Frage und Antwort in die Predigtrepetition involviert, wobei es jedem freistand, sich daran zu beteiligen oder bloß zuzuhören.[7]

Innerhalb kurzer Zeit sammelten sich immer mehr und mehr Fromme, so daß das Pfarrhaus kaum Platz genug bot. Die Predigtwiederholungen wurden so zunächst 1689 einen Sommer lang an allen Sonntagen um vier Uhr nachmittags mit großer Frucht und Erbauung unter den Zuhörern abgehalten.[8] In Anbetracht der unvermutet stark steigenden Teilnehmerzahl, die das Pfarrhaus kaum zu fassen vermochte, mußte die Versammlung wegen der Kälte im Winter unterbrochen und sollte im kommenden Sommer 1690 wiederaufgenommen werden. Dazu kam es jedoch nicht. Zum einen war Breithaupt in der ersten Hälfte des Jahres 1690 damit beschäftigt, gegen massive Widerstände aus Kreisen des Rates und des Ministeriums August Hermann Francke in Erfurt das Augustinerdiakonat zu verschaffen. Aber dies allein kann nicht ausreichender Grund dafür gewesen sein, seine Predigtrepetition zunächst nicht wieder zu beginnen.

Der Erfurter Senior war inzwischen durch die Wirkung seiner Predigten, seiner universitären Lehrtätigkeit und nicht zuletzt seiner Erbauungsversammlungen weit über Erfurt und Sachsen hinaus bekannt geworden. Anfang April 1690 berief ihn daher offiziell die Stadt Hildesheim auf die dortige vakante Superintendentur. Breithaupt war gewillt, den Ruf anzunehmen, und wünschte vom Rat seine Dimission. Er rechnete damit, in Kürze Erfurt zu verlassen und hielt es daher höchstwahrscheinlich für unklug, seine Predigtwiederholungen wieder einzurichten, die er wenig später hätte wieder auflösen müssen. Die Verhandlungen aber zogen sich bis Ende August hin. Schließlich verweigerte der Rat die Amtsentlassung, und Breithaupt blieb in Erfurt. Nun war freilich der Sommer 1690 ohne Collegium vergangen. Breithaupt verlor nun keine weitere Zeit und richtete unmittelbar nach gescheiterter Vokations seine Predigtrepetition wieder ein, und zwar in Anbetracht der zu erwartenden Teilnehmerzahl gleich in der Predigerschule, wo ausreichend große Räumlichkeiten zur Verfügung standen. Da die kalte Jahreszeit vor der Tür stand, ließ Breithaupt den Winter über die Predigerschule auf eigene Kosten beheizen.[9] Francke, der gleich nach seinem Amtsantritt in Erfurt im Juni 1690 auf Bitten seiner Gemeinde ebenfalls Predigtwiederholungen eingerichtet hatte und dessen Pfarrwohnung inzwischen auch nicht mehr genug Platz bot zur Aufnahme aller Hörer, folgte dem Senior nach.[10] Ob der Vorschlag, mit dem Collegium in die Schule umzuziehen, von Francke oder von Breithaupt selbst stammte, ist unklar. Mit diesem Schritt jedenfalls verhinderte Breithaupt durch ein mögliches weiteres Aussetzen der Predigtwiederholung die Gefährdung der pietistischen Bewegung in seiner Gemeinde und in Erfurt insgesamt, ermöglichte aber gleichzeitig auch, daß Francke, ohne Angriffe durch die orthodoxe Geistlichkeit erwarten zu müssen, mit seinem Collegium ebenfalls in die (Augustiner)Schule wechseln konnte, worin ihm der Senior vorangegangen war, auf den er sich nun berufen konnte.

Breithaupt begann nun zunächst wieder mit den Schulknaben. Doch haben sich innerhalb kürzester Zeit soviele Bürger eingefunden, daß zu Beginn des Jahres 1691 bereits die Predigerschule nicht genug Platz bot, sodaß viele Menschen keinen Einlaß mehr fanden.

Durch Franckes Anwesenheit in Erfurt hatte die von Breithaupt initiierte pietistische Bewegung nochmals einen entscheidenden Schub erhalten. Der Augustinerdiakon wurde zu Hausbesuchen besonders in Bürgerhäuser der Predigergemeinde geladen.[11] Dies zeigt auch, daß das pietistische Zentrum Erfurts in Breithaupts Gemeinde zu suchen ist. Aus Leipzig und Jena pilgerten die Studenten in Scharen in die Vorlesungen Breithaupts und Franckes. Die Studenten fanden Obdach in den Häusern Erfurter Bürger und gründeten dort ebenfalls Erbauungsversammlungen.[12]

Zum Ende des Jahres 1690 kam es in Erfurt zu einem Ratswechsel. Die neuen Mitglieder des Rats waren dem Pietismus, namentlich aber August Hermann Francke feindselig gestimmt. Eine der ersten Amtshandlungen des neuen Rats war daher die Konstitution einer Inquisitionskommission. Diese verbot Francke Ende 1690 die Predigtwiederholung.[13] Das Gerücht unter der Bürgerschaft, auch der Senior Breithaupt sei mit diesem Verbot belegt worden, sorgte für erhebliche Verwirrung, bestätigte sich aber nicht.[14] Am Neujahrstag 1691 wendete sich eine Anzahl von Gliedern der Predigergemeinde aus Unsicherheit über die Situation schriftlich an Breithaupt mit der Bitte, die laufenden Predigtwiederholungen wegen der daraus geschöpften großen Erbauung beizubehalten.[15] Gleichzeitig wurde Breithaupt darum gebeten, das Collegium in die Predigerkirche zu verlegen, da inzwischen auch die Schulräume zu klein geworden waren für die große Menge der frommen Teilnehmer.[16] Diese Eingabe an Breithaupt ist von 49 Männern unterschrieben. Neben den Namenszügen der promovierten Juristen Georg Heinrich Brückner, und Ernst Tentzel sowie dem Mediziner Justus Vesti -Brückner und Vesti waren zugleich Professoren an der Erfurter Universität- finden wir unter den Teilnehmern auch den Verleger Johann Kaspar Birckner sowie die drei Ratsherren Michael Hartung (1689), Johann Leitzmann (1690) und Nikolaus Fratscher (1691), außerdem Unterschriften von unbekannten Bürgern, vermutlich aus weniger gebildeten Schichten, wie z.B. den Bortenwirker Constantin Wahl.[17] Freilich dürfte die Unterschriftenliste nicht vollständig sein. Denn sicher ist, daß aus der Predigergemeinde auch der Universitätsprofessor Paul Heinrich Juch und der Stadtrat Johann Jungk (1689) mit Breithaupt sympathisierten.[18] Da eindeutig auch Frauen der Versammlung beiwohnten[19], dürfte die Zahl derer, die Anfang 1691 an Breithaupts Predigtrepetition teilgenommen haben, weitaus höher gewesen sein, als die Liste glauben machen könnte. Breithaupt hat der Bitte nach Verlegung in die Predigerkirche nicht entsprochen und ist bis zum Frühsommer 1691 weiter in der Predigerschule geblieben. Der Umzug einer privaten, dh neben den pasoralen Amtspflichten eingerichteten Erbauungsversammlung in das öffentliche Kirchengebäude wäre ein gravierender Einschnitt in die Gestalt des Collegiums gewesen. Als Breithaupt sich 1682/83 bei Spener in Frankfurt aufgehalten hatte, war das Frankfurter Collegium gerade in die Barfüßerkirche verlegt worden und hatte seinen ursprünglichen Charakter einer privaten Erbauungsversammlung verloren. Entscheidend ist nicht das Gebäude als solches, in dem das Collegium stattfindet, auch nicht die Menge der Teilnehmer, sondern die Tatsache, ob es privaten oder öffentlichen Charakter hat. In der Kirche wäre die Erbauungsversammlung zu einer öffentlichen, den offiziellen pastoralen Amtspflichten Breithaupts unterliegenden Einrichtung geworden. Und genau das hätte einer pietistischen Intention widersprochen. Das mag Breithaupt dazu veranlaßt haben, sein Collegium nicht aus der Predigerschule zu verlegen, sondern dort bis zum Frühsommer 1691 zu verbleiben. In der Zwischenzeit aber erhielt Breithaupt einen Ruf zum Amt des Oberhofpredigers nach Darmstadt.

Exkurs: Die Vokation Breithaupts zum Oberhofprediger nach Darmstadt

Als der Darmstädter Oberhofprediger und Superintendent Johann Ulrich Wild[20] (geb. 30.9.1641), ein Schwager Speners, auf einer Reise in Frankfurt am 13. Januar 1691 starb, bemühte sich Landgraf Ernst Ludwig von Hessen-Darmstadt (15.12.1667-12.9.1739) um Breithaupt als Nachfolger für die seit 1575 vom Landgrafen Georg I. (10.9.1547-7.2.1596) eingerichtete Hofprädikatur[21]. Den von Wild begonnenen Gemeindeaufbau im Sinne des Spenerschen Pietismus schien ihm Breithaupt offenbar am geschicktesten fortsetzen und vorantreiben zu können. Die Darmstädter standen zudem unter Druck, weil kaum mehr als zwei Wochen nach Wilds Tod auch der ältere Stadtprediger Darmstadts, Johann Georg Mettenius[22] (geb. 8.3.1626), am 30. Januar 1691 starb. 

Die Vermittlung zwischen Breithaupt und dem hessischen Hof übernahm der Gothaer Hofrat Dr. Hieronymus Brückner (16.2.1639-11.2.1693)[23]. Bereits drei Tage nach Mettenius' Tod wandte sich der Darmstädtische Hofbeamte E. Zollmann schriftlich an Brückner und bat ihn, sich bei Breithaupt zu erkundigen, ob dieser einer ergehenden förmlichen Vokation folgen würde[24]. Breithaupt antwortete Brückner, daß er sich in dieser Angelegenheit der göttlichen Führung überlasse. Außerdem stünde noch Speners Antwort aus, an den er sich wie bei seinen vorhergehenden Vokationen gewandt hatte. Dessen Meinung hätte sich bisher als von Gott gesegnet erwiesen[25]. Die Darmstädter haben akzeptiert, daß Breithaupt seine Entscheidung von Speners Rat abhängig machen wollte[26].

Vom weiteren Verlauf der Vokationsangelegenheit wissen wir nichts. Breithaupt ist in Erfurt geblieben, obschon er bereits seit dem Dezember 1690 im Streit sich befand mit dem Rektor des Ratsgymnasiums Zacharias Hogel (20.9.1637-1714) um die Möglichkeit der Haltung des göttlichen Gesetzes. Doch ist wohl zu vermuten, daß Speners Rat an ihn kaum anders ausgefallen ist, als in seiner Stellungnahme zur Vokation Breithaupts als Superintendent nach Hildesheim[27], denn sonst hätte Breithaupt in Anbetracht der sich dramatisch verändernden Situation in Erfurt gewiß die Vokation angenommen und diesmal vom Rat wohl auch die Dimission erhalten.

Erst im darauffolgenden Jahr gelang es dem Landgrafen, die Stelle des Oberhofpredigers und Superintendenten mit Johann Christoph Bilefeld (25.12.1664-21.6.1727) neu zu besetzen[28].

Im Frühsommer (etwa Mai) 1691 schickte der Rat auf Vorschlag der kurfürstlichen Regierung, die ungern Konventikel außerhalb der öffentlichen Kirche sehe, die Diakone Süße und Pfeiffer zum Erfurter Senior. Die beiden waren die treuesten Anhänger Breithaupts und der pietistischen Bewegung in Erfurt. Sie überbrachten den Vorschlag des Rates, Breithaupt möge doch seine Versammlungen in der Predigerschule einstellen. Die Ratsherren wollten ihm erlauben, diese demnächst in der Predigerkirche abzuhalten. Breithaupt hat auf Grund dieser Zusage seine Predigtwiederholungen zunächst eingestellt.[29] Alle Zeichen aber deuteten inzwischen daraufhin, daß sich die Waage allmählich, aber deutlich zu Ungunsten des Pietismus in Erfurt neigen würde. Jetzt nicht nur eine Duldung, sondern gar eine offizielle Erlaubnis des Rates für sein Collegium zu erhalten, war für Breithaupt Grund genug, einem Umzug in die Predigerkirche zuzustimmen. Außerdem entsprach er damit einer Bitte seiner Gemeinde. Es fehlte nur noch die Erlaubnis des Geistlichen Ministeriums, an welches der Rat die Angelegenheit nun deligiert hatte. Nachdem das Ministerium ihn einige Zeit hingehalten hatte, wurde auch von diesem beschlossen, dem Senior die Predigtwiederholung in der Kirche zu erlauben zu einer bestimmten Uhrzeit, über die noch beraten werden müsse. Aber wieder verzögerten die Verantwortlichen den Beschluß. Erfurt war nun ohne Collegium Breithaupts und Franckes. Breithaupt hat in der Folgezeit eine Entscheidung mehrmals angemahnt. Ihm wurde dabei vorgeschlagen, in der Zwischenzeit, bis über einen selbständigen Termin entschieden werde, seine Predigtwiederholung im Rahmen des offiziellen Katechismusunterrichts abzuhalten.[30] Man verfolgte offensichtlich das Ziel, die Erbauungsversammlung des Seniors zum einen in das öffentliche Kirchengebäude, zum andern in eine offizielle pastorale Veranstaltung hinein abzudrängen. Breithaupt hat diesem Vorschlag zunächst nicht entsprochen. Doch drängte die Predigergemeinde zur Fortsetzung. 

In Erfurt hatte sich die Lage allmählich zugespitzt. Die orthodoxe Stadtgeistlichkeit mit Augustin Friedrich Kromayer an der Spitze, der nach dem Vergleich Breithaupts mit Hogel die Angriffe bei den Orhodoxen gegen die Pietisten führte[31], versuchte in Verbindung mit Teilen des Rates, die pietistischen Aktivitäten in Erfurt zu unterdrücken und namentlich August Hermann Francke loszuwerden. Das Ende Mai erschienene sogenannte Pfingstpatent der theologischen Fakultät Leipzig unter der Führung Johann Benedikt Carpzovs hatte mit scharfen Angriffen gegen den Pietismus und Francke im besonderen weitere Munition geliefert und das Klima zusätzlich belastet.[32] Mitte Juli 1691 wurde Breithaupt schließlich ungeduldig und wandte sich persönlich und inoffiziell auf Vorschlag des Ratsmitglieds D. Petri von Hartenfelß an den Oberen Ratsmeister, der ihm mündlich zusagte, seine Predigtwiederholung demnächst sonntags um drei Uhr nachmittags halten zu dürfen.[33] Am gleichen Tag teilte Breithaupt dem Rat schriftlich die Wiederaufnahme der Predigtwiederholung für Sonntag, den 19. Juli mit.[34] Bereits am darauffolgenden Tag, am Samstag, dem 18. Juli wird ihm durch den Stadtschreiber Emmanuel Hogel ein Dekret des Rats zugestellt, worin ihm die Wiederholung der Predigt verboten wird.[35] Breithaupt reagierte sofort. Er erinnerte sich nun an den Vorschlag des Ministeriums, die Predigtwiederholung zwischenzeitlich im Rahmen des Katechismusunterrichts durchzuführen. So kündigte er an besagtem Sonntag, dem 19. Juli von der Kanzel seine Predigtwiederholung an für den gleichen Nachmittag innerhalb des Katechismusunterrichts. Am gleichen Tage hielt Breithaupt die Erbauungsversammlung zum erstenmal in der Predigerkirche.[36] Von dieser Maßnahme unterrichtete er den Rat schriftlich. Einen erneuten Beschluß des Rates durch Emmanuel Hogel eine Woche später, der ihm auch die Predigtwiederholung im Katechismusunterricht versagte, ignorierte Breithaupt, informierte vielmehr den Rat über die Fortsetzung seiner Versammlung in der Predigerkirche.[37] Zwei Wochen lang konnte Breithaupt nun sein Collegium weiter durchführen. Am 10. August aber wurde er vom Rat mit einer Strafe von 30 Talern belegt wegen fortgesetzter Durchführung der Predigtwiederholungen.[38] Die Beschwerden Breithaupts gegen dieses Vorgehen erbrachten nichts.[39] Im August 1691 waren die Auseinandersetzungen auf beiden Seiten längst eskaliert. Breithaupt hatte in einer Predigt davon gesprochen, daß einige Ratsmitglieder ihr Amt mißbrauchten, worauf der Rat eine Abkündigung von allen Erfurter Kanzeln durchsetzte gegen Francke, Breithaupt sowie gegen die Predigtwiederholungen und sämtliche pietistische Konventikel überhaupt. [40] Kurz zuvor wurde die Aufnahme pietistischer Studenten in Erfurter Bürgerhäusern verboten und die entsprechenden Hauswirte verhört.[41] Die orthodoxen Geistlichen machten sich zusammen mit dem Gros der Ratsherren daran, den Pietismus in Erfurt mit Stumpf und Stiel auszureißen. Am 24. August erging ein Dekret der kurfürstlichen Regierung, an welche der Rat zuvor bereits zweimal appelliert hatte mit der Bitte um Unterstützung beim Vorgehen gegen die Pietisten, das alle Konventikel in Erfurt verbot.[42] Auch die literarische Parteinahme des Jenaer Professors Caspar Sagittarius zugunsten des Pietismus[43] sowie die Fürsprache der Herzöge Bernhard von Meiningen, früherer Dienstherr Breithaupts, und Heinrich von Römhild vom 29. August an den Statthalter führten zu nichts. [44] Drei Tage zuvor hatte Emmanuel Hogel eigenmächtig, angeblich im Namen des gesamten Rats, an den Erzbischof geschrieben und von einem verwirrten Zustande Breithaupts gesprochen sowie von Angriffen auf den status politicus durch Nichtrespektierung der weltlichen Obrigkeit durch die Pietisten.[45] Damit hatte sich Hogel, nachdem die Erfurter Erbauungsversammlungen verboten waren, aufgemacht, Franckes und Breithaupts Vertreibung einzuleiten. Kurz darauf erging von Mainz aus der Remotionsbefehl Franckes.[46] Breithaupt hat es auch in dieser Situation nicht unterlassen, nochmals gegen dieses unrechtmäßige Vorgehen zu protestieren. Der Rat aber beauftragte den Senior damit, dafür Sorge zu tragen, daß an dem darauffolgenden Sonntag, dem 20. September, auf allen Erfurter Kanzeln für die Wiederbestzung des Stelle Franckes gebetet wurde. Als Breithaupt sich weigerte, wurde Kromayer damit beauftragt. Den kommenden Sonntag und Montag nutzte Breithaupt dazu, in zwei Predigten heftig gegen diese Vorgänge zu protestieren.[47] Es war das letztemal, daß Breithaupt in Erfurt öffentlich das Wort ergriffen hat.

Das Konventikelverbot und die Ausweisung August Hermann Franckes waren Anlaß für ihn, Erfurt zu verlassen. Mitten in den Tagen, in denen sich die Ereignisse überschlugen, erreichte Breithaupt eine Vokation des Brandenburgischen Kurfürsten zum Professor der Theologie und Pfarrer nach Halle - eine Stelle, auf der er im Sommer noch Spener erwartet hatte. Am 25. September teilte er dem Rat mit, daß er dem Ruf folgen werde.[48] Eine Abschiedspredigt wurde ihm versagt.[49] Mitte Oktober traf Breithaupt in Halle ein. Nur seine engsten Vertrauten, der Jurist Georg Heinrich Brückner aus dem Collegium pietatis und von den Geistlichen der Diakon Heinrich Süße, gaben ihm in der Senioratskutsche bís Kerspleben das Geleit.[50]

Die Ämter Breithaupts als Senior und Professor Augsburgischer Konfession übernahm nun sein großer Widersacher Augustin Friedrich Kromayer. Die verwaiste Predigergemeinde erhielt Johannes Weißenborn[51] als neuen Pfarrer, der seit 1683 als Rektor am Gymnasium in Hildesheim wirkte und ein Vertreter strenger Orthodoxie war.

[1] LB 1725, 49.
[2] Spener, Sendschreiben 1677, 52.

[3] Vgl. Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 337; vgl. Breithaupt-Bibl. Nr. [5.].

[4] Aktennotiz Breithaupts zur Predigtwiederholung ca. 10.8. - 15.8.1691 (AFSt A 124,91a).

[5] Brief Breithaupts an das Evangelische Ministerium vom 3.7[6.7.]1691 (AFSt A 124,127a-133b; D 89,631-647; D 89,615-626 in der Reihenfolge 626,625,620,622,621,624,623; D 106,17a-28a Sc III; StA Erfurt 1-1/X A I- 13,11a-17b mit Postscriptum).

"Daß aber durch wiederholung der Predigt (und zwar auf solche weise, dabeÿ nicht das geringste bedencklich fürfält, indem die Jugend per modum catecheticum daraus gefraget und examiniret, und dabeÿ die Sachen nochmals einfältig erkläret werden, die alten aber zuhören) dem gemeinen Mann viele Erbauung zuwachse, habe ich selbst zum Überfluß erfahren, so wol in meinen vorigen Sächsischen Kirchendiensten, als auch hieselbst, wird auch zweiffels ohn niemand leügnen." (AFSt A 124,129b).

[6] AFSt A 124,91a; vgl. auch AFSt A 124, 129b.

[7] Vgl. Anm. 119 und Breithaupts Hinweis auf die seit 1661 übliche "Befragung der Alten" (AFSt A 124, 129b). Es darf auch als eine beachtliche pädogogische Leistung Breithaupts gelten, sowohl Kinder als auch Erwachsene in seinem Collegium integriert zu haben.

[8] AFSt A 124,94b und 171a. 

[9] "Nach zurückgelegter Vokations-Sache habe die Wiederholung der Predigten wieder angefangen, und zwar für rahtsamer befunden, in der Prediger Schule, woselbst ein räumliches Auditorium ist, solches vortzusetzen, dabey ich dem Winters über auff eigene kosten einheitzen lassen." (AFSt A 124,94b).

"... im vorigen Jahr [sc. 1690] aber mit den Schulknaben in der Schule dergleichen von neuen angefangen ... " (AFSt A 124,129b). Beginn der Predigtwiederholung Breithaupts Mitte September 1690 erschlossen aus AFSt AFSt A 124,91a (5). Vgl. Brief Franckes an Spener vom 18.12.1690 (Kramer BW 1861, 201).

[10] AFSt A 124,91a.

[11] "Sie werden aber auch keinen grund gewisser Zusammenkunfften finden, dann daß Herr M. Francke von einigen Christlichen Leuten, absonderlich meiner gemeinde, offtermals zur abendmalzeit geladen ist, da Er dann Christliche discurse geführet, und mögen dann undt wann einige ohngefehr seÿn dazu kommen, ..." (Brief Breithaupts an einen Superintendenten vom 21.1.1691 [StuUB Frankfurt, Ms. lat. qu. 86, fol. 246a-247b (247a)]).

[12] Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 340 spricht "von einer religiösen Erweckungsbewegung unter den Erfurter Studenten". Man finde unter ihnen wenige zukünftige Gelehrte wie etwa Joachim Lange, aber eine ganze Reihe bekannter Liederdichter wie Bartholomäus Crasselius, Johann Heinrich Schröder, Johann Eusebius Schmidt, Johann Anastasius Freylinghausen, den zukünftigen Schwiegersohn Franckes, und Joachim Lange. Die instrumentale Kirchenmusik verachtend, kam es zu einer Blüte des religiösen Liedes.

[13] Instruktion und Legitimation der Inquisitionskommission durch den Rat am 30.12.1690 (AFSt D 89,87a-89a; A 124,151a-152b; D 84,100b-101b; D 106,45b-47b Sc III; bei Kramer BW 1861, 119; vgl. Biereye 2,26).

Dekret der Inquisitionkommission durch E. Hogel an Francke vom 30.12.1690: Verbot der Predigtwiederholung, der Hausbesuche und aller sonstigen pietistischen Aktivitäten (AFSt D 89,195a-198b; A 124,95a; D 66,102ab; F 32b,71b).

Brief Breithaupts an den Rat vom 5.1.(15.1.)1691: Protest gegen die Maßnahmen der Inquisitionskommission (AFSt D 89,169-172; A 124,95v- 98a; D 89,173-179; D 89,143-144; D 106,2a-7a Sc III; D 53,5; StA Erfurt 1-1/X A I-13,90a-93b; Thüring. HStA Weimar, fol. 167,10, Bl. 8-11 [Nachlaß Kromayer Nr. 15]).

[14] Brief Franckes an Spener vom 8.(18.)1.1691 (Kramer BW 1861,202); vgl. AFSt A 124,91a.

[15] Memorial von 49 Gliedern der Predigergemeinde an Breithaupt vom 1.1.(10.1.)1691 (AFSt A 124,93a-94b; D 89,163-164; D 89, 165-168; D 106,1a-2a Sc III. Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 341 versteht diese Eingabe an Breithaupt irrtümlich als Bitte um Wiederaufnahme seiner im Winter 1690 unterbrochenen Predigtwiederholungen.

[16] AFSt A 124,93a.

[17] Auch deren Zahl darf nicht zu niedrig veranschlagt werden, da Breithaupt bezüglich seines Collegiums davon spricht, daß "dem gemeinen Mann viele Erbauung zuwachse" [Hervorhebung von mir] (AFSt A 124,129b); Fratscher und Brückner haben 1690 ihre Bekehrungsberichte verfaßt, in denen Breithaupt eine ausschlaggebende Rolle zukommt (AFSt D 84,18a und 17ab).

[18] Vgl. Biereye 2, 26f.

[19] AFSt A 124,91a.

[20] Johann Ulrich Wild, aus Straßburg, 1658 Studium in Straßburg und dann in Leipzig, wo er 1664 den Magistergrad erwarb, 1667 Prediger an St. Peter in Straßburg, 1670-1676 Pfarrer in Lauterecken, 1676-1689 Superintendent in Eßlingen, 1677 Dr. theol. in Tübingen, seit dem Somer 1689 Superintendent und Oberhofprediger in Darmstadt (Jöcher 4,1959; Zedler 56,696; Diehl, Hassia Sacra 1,14; 2,45; 7,259).

[21] Vgl. Diehl, Hassia Sacra 7,258; Loringhoven I,104.

[22] Johann Georg Mettenius, 1641 Studium in Marburg, 1651 in Gießen, 1653-1657 Pfarrer in Igstadt, 1657-1675 jüngerer, 1675-1691 älterer Stadtprediger in Darmstadt. Mettenius stand in den Jahren 1675 bis 1678 im Zuge der um die von dem Hofprediger Johann Winckler (13.7.1642- 5.4.1705) in Darmstadt eingerichteten Collegia pietatis entstandenen Streitigkeiten auf der Seite des streng orthodoxen Theologen Balthasar Mentzers (11.5.1614-28.7.1679) (Diehl, Hassia Sacra 1,20; 2,41f;

7,260).

[23] Hieronymus Brückner, aus Erfurt, 1657 Besuch des Gymnasiums in Gotha, 1659 Studium in Helmstedt, 1661 in Leipzig, 1664 Referendar in Erfurt, 1665 Informator in Gotha, 1671 Secretarius, 1680 Hofrat in Meiningen, 1681 Dr. jur. in Tübingen, 1685 Hofrat in Gotha (Jöcher 1,1411).

[24] Brief von E. Zollmann an Hieronymus Brückner vom 2.2.1691 (Postskriptum) [Korrektur der Datierung vom 16.2.1690] (AFSt D 84,26a): Zollmann berichtet darin vom plötzlichen Tode Wilds vor etwa drei Wochen und vom Tode Mettenius' vor drei Tagen. Die Stelle Wilds sei nun "mit einem gelehrten rechtschaffenen Theologo zuersehen." Breithaupt werde "sehr recommendiret". Brückner solle zugleich bei Breithaupt anfragen, ob dieser für die Nachfolge Mettenius' "auch sonsten einige qualificirte subjecta Theol: in Vorschlag zubringen" wisse. Wegen Breithaupt aber erwarte man bald Nachricht.

[25] Brief Breithaupts an Hieronymus Brückner in Gotha etwa Ende Februar/Anfang März 1691. Breithaupt bringt gleich August Hermann Francke - seine "großen Gaben und Success in bekehrung vieler leute allhier" hervorhebend - als Nachfolger für Mettenius ins Gespräch (AFSt D 84,15a[b]).

[26] Brief von E. Zollmann an Brückner in Gotha etwa März 1691: Zollmann dankt Brückner für die "Mühwaltung" mit Breithaupt und sendet ein Schreiben des Seniors zurück. Man sehe in Darmstadt, daß es auf Speners Votum ankommen wird (AFSt D 84,16a).

[27] LBed 3, Halle 1721, 217f.
[28] Diehl, Hassia Sacra 1,14f.
[29] AFSt A 124,91a und 94b und 129b-130a und 171a. [30] AFSt A 124,171a.

[31] Vgl. Brief Kromayers an den Rat vom 19.6.(29.6.)1691. Sein Hauptaugenmerk richtete sich zunächst auf Francke. Dem Senior mochte er die Predigtwiederholung nicht verbieten lassen (AFSt D 89,563-565; A 124,119-120p; D 89,583-586p; D 106,9a-12b Sc III). 

[32] AFSt D 89,695-693; D 89,1079-1089; A 111,67a-79a Sc II.

[33] AFSt A 124,171b. Für die im folgenden beschriebenen Vorgänge vgl. AFSt A 124, 171a-172b insgesamt.

[34] AFSt A 124,163a-164b. [35] AFSt A 124,164b.

[36] Kanzelabkündigung Breithaupts vom 19.(29.)7.1691 (AFSt A 124,163a).

[37] Dekret des Rats durch E. Hogel an Breithaupt vom 25.7.1691 (AFSt A 124, 165ab und 166b); Brief Breithaupts an den Rat vom 27.7.1691: Mitteilung der Predigtwiederholung vom 26.7.1691 (AFSt A 124,166a).

[38] AFSt D 89,759; D 89,748-749; D 106,57a-58a Sc III.

[39] Memorial Breithaupts an den Rat vom 12.8.(22.8.)1691 (AFSt A 124,167a-168b; D 89,761; D 106,58b-59b); Memorial Breithaupts an den Statthalter vom 12.8.(22.8.)1691 (AFSt A 124,169a-170b); vgl. auch AFSt A 124,171a-172b [StA Erfurt 1-1/X A I-13,54a].

[40] AFSt D 89,805-806; D 89, 802-801; D 89,809-812; D 106,66b-68b Sc III.

[41] Protokoll des Senats durch E. Hogel vom 17.8.(27.8.)1691 (AFSt D 89,875; D 89,841); Supplik von Studenten an den Statthalter vom 9.8. (29.8.)1691 (AFSt D 88,19a; D 106,28b-29a Sc III).

[42] AFSt D 89,870-871; D 66,118ab; D 89,872.

[43] Sagittarius unterstützte die Erfurter Pietisten mit mehreren Schriften, u.a. mit den "20 Thesen über den rechten, wahren Pietismus" vom 9.7.1691; vgl. dazu Breithaupt-Bibl. Nr. [9.]

[44] Schreiben der Herzöge Bernhard von Meiningen und Heinrich von Römhild an den Statthalter vom 29.8.(8.9.)1691: Verteidigung Franckes und der pietistischen Entwicklung in Erfurt (AFSt D 95,1049-1050; A 111,62a Sc I).

[45] Ausführlich erwähnt bei Biereye 2,33-35; vgl. dazu Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 342f.

[46] Reskript des Erzbischofs von Mainz an den Rat vom 2.9.(12.9.)1691 [präsentiert am 12.9.(22.9.)1691, publ. am 14.9.(24.9.)1691 im Senat]: Remotionsbefehl Franckes (AFSt D 88,21ab; D 89,871+888(886+887); D 89, 884-885; D 89,22a-23a; A 111,22ab Sc III); Vgl. auch AFSt D 89,849- 851 und AFSt D 89,994-995,998-999; D 89,956; D 89,936; A 124,198a; D 89,938-939.

[47] Protokoll von A. Stollberg an den Senat vom 22.9.(2.10.)1691: Vorwort zum Protokoll und Nachschrift der Predigt Breithaupts vom 20.9.(30.9.)1691 (AFSt D 89,946-949; A 124,199a-203b; D 89,848-843b); Weiteres Protokoll von A. Stollberg an den Senat vom 22.9.(2.10.)1691: Nachschrift der Predigt Breithaupts vom Montag, 21.9.(1.10.)1691, Nachwort und Zeugenunterschriften durch J. Lancke und J. Apfelstadt (AFSt D 89,974- 979+747[950]; A 124,203b-210b); vgl. dazu Volz: Beiträge zur Geschichte des Pietismus. Aus ungedruckten Materialien. I. J.J. Breithaupt. In: Zeitschrift für die historische Theologie 42 (1872), 25-35.

[48] AFSt D 89,988; D 106,76ab; vgl. Spener in Bed. 3, 731f.
[49] Am 25.9.(6.10.)1691 wird Breithaupt eine Abschiedspredigt am 
kommenden Michaelsfest von den evangelischen "Senatoribus per maiora" versagt (StA Erfurt 1-1,XXI 2-25 (1690-1693), 64b-65a

[Ratsprotokoll]). 

[50] Vgl. Wallmann, Gesammelte Aufsätze 1995, 344.

[51] Vgl. Bauer, Theologen, 329f.

2. Die theologische Bedeutung

Dieser Abschnitt soll Klarheit verschaffen über die Begriffe Collegium pietatis, Katechismusunterricht und ecclesiola in ecclesia in ihrem Verhältnis zueinander. Dies dient dem Ziel, die Erbauungsversammlung Breithaupts historisch und theologisch zu beschreiben und sie in die pietistische Tradition einzuordnen.

Als ein Kennzeichen des lutherischen Pietismus gelten die Collegia pietatis, deren Einrichtung Philipp Jakob Spener in seinen Pia Desideria (1675) in Anlehnung an die urchristlichen Versammlungen von 1 Kor 14 als ein Mittel zur Kirchenreform vorgeschlagen hat.[1] Der Begriff ist geprägt worden durch das unter Speners Federführung 1670 in Frankfurt eingerichtete Konventikel. Im Frankfurter Collegium Speners liegt der Ursprung der folgenden, an unterschiedlichen Orten in unterschiedlicher Gestalt entstehenden Erbauungsversammlungen im lutherischen Pietismus. Andere Collegia werden - freilich unter Vermeidung einer zu großen Engführung des Begriffs - von hier aus in ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten historisch und theologisch zu betrachten sein.

Die jüngere Literatur kommt zu unterschiedlichen Antworten auf die Frage nach den Collegia pietatis, nach der ecclesiola in ecclesia und dem Katechismusunterricht und ihrem Verhältnis zueinander.

Markus Matthias[2] gebührt das Verdienst, für dieses Thema die Forschung sensibilisiert zu haben. Matthias zeichnet folgendes Bild: Speners Äußerungen in Bed. 1.2, 53 (1694) zum Collegium pietatis kämen einer Absage an dieselben gleich. Dann reflektiert er zurück in die Frankfurter Zeit Speners, genauer gesagt in die Jahre 1675/76, und hier findet Matthias die entscheidende Wende. Kurz nach dem Erscheinen der Pia Desideria habe Spener im Briefwechsel mit Samuael Benedikt Carpzov im Anschluß an Apg 20, 31 das Modell der ecclesiola in ecclesia entwickelt und dieses vom Collegium pietatis unterschieden. Nicht der Vorschlag zur Einrichtung von Collegia pietatis nach 1 Kor 14, wie ihn Spener in den Pia Desideria vorbringt, sondern die Schaffung von ecclesiolae sei Speners eigentliches Anliegen. Das Collegium sei 1670 im Spannungsfeld von Johann Jakob Schütz und seinen Anhängern entstanden, und Spener habe es in seiner Postillenvorrede nachträglich legitimiert, den Nutzen aber alsbald sehr zurückhaltend beurteilt. Bei dem ecclesiola-Modell gehe es Spener nicht mehr um Sammlung einer Gruppe, sondern um Erweckung des Einzelnen durch Hausbesuche des Pfarrers zur Einrichtung und Festigung hauskirchlicher Strukturen. Matthias verweist auf Parallelen aus der reformiert-pietistischen Tradition (Undereyck) und schließt auf Beeinflussung Speners. Der Frankfurter Senior rücke ab von einer zu bestimmter Zeit und bestimmten Ort festgelegten Versammlung eines festen Personenkreises. An deren Stelle trete der gelegentliche Umgang des Pfarrers mit seinen Gemeindegliedern, dh mit dem einzelnen, nicht einer Gruppe. Allein die Bibel sei nun Grundlage der Erbauung, ihre Auslegung sei vornehmlich auf die Praxis ausgerichtet (Lebensregeln). Schließlich werde nun eine genauere Kundschaft und Freundschaft der Gemeindeglieder untereinander angestrebt. Hinter dem ecclesiola-Modell stehe bei Spener eine bestimmte Auffassung von der Wirkung und Aneingnung des Bibelwortes, dh ein hermeneutisches Prinzip auf Grund bestimmter erkenntnistheoretischer Voraussetzungen. 

Es handelt sich hierbei um eine gründliche Untersuchung eines erwiesenen Fachmanns zu Speners Frankfurter Zeit. Doch liegt hier auch ein Schwachpunkt. Matthias nimmt bis auf den bekannten Brief Speners aus dem Jahre 1694 (Bed. 1.2, 53) keine Quellen aus der Dresdner oder Berliner Zeit Speners zur Kenntnis. Daß Spener in seinen Pia Desideria die Einrichtung von Collegia pietatis nach 1 Kor 14 fordert, nur um eine bestehende, eigentlich nicht von ihm angeregte und eingerichtete Erbauungsversammlung zu legitimieren, während er selbst bereits unmittelbar nach Erscheinen seiner Postillenvorrede ein anderes theologisches Modell gefunden hatte, ist nicht überzeugend. Spener hatte darin schließlich "seine mehrjährigen Sorgen und Überlegungen über den Zustand der Kirche"[3] zum Ausdruck gebracht. Auch die 'amicitia arctior', die Matthias nun dem ecclesiola-Gedanken Speners zuweist, findet sich bereits im Collegium pietatis, durch das sich Spener eine inniglichere Vertraulichkeit der Teilnehmenden untereinander erhofft.

Von einer Absage Speners an sein Collegium pietatis kann man m. E. nicht sprechen[4]. Spener hat in seiner Dresdner Zeit die Collegia Breithaupts und Franckes in Erfurt nach bestem Bemühen unterstützt, bereits 1686 das Collegium Philobiblicum um Francke, Anton und Schade gefördert und auch weitere Konventikelgründungen in Jena und Wittenberg gutgeheißen.

Auch findet sich bei Spener wenn auch nicht die sprachliche Formel, so doch der Gedanke der ecclesiola in ecclesia in den Pia Desideria, und zwar als Sammlung der Frommen im Vorschlag zur Einrichtung der Collegia pietatis selbst.

Gewiß, der Vorschlag zur Einrichtung von Hausbesuchen des Predigers und der Frommen untereinander zur Bildung einer ecclesiola mit der möglichen, aber nicht zwingend notwendigen Einrichtung von Collegia pietatis reicht zurück bis in die Jahre 1675/76 kurz nach Erscheinen der Postillenvorrede und findet ihren literarischen Niederschlag in der Korrespondenz zwischen Spener und Carpzov. Doch stehen die Hausbesuche hier noch neben oder vielmehr hinter der in den Pia Desideria - als zur Veröffentlichung bestimmtes, umfassendes Reformprogramm der lutherischen Kirche Deutschlands - zur gleichen Zeit geforderten direkten Einrichtung von Collegia pietatis nach dem urchristlichen Vorbild von 1 Kor 14. Daß Spener den ecclesiola-Gedanken nicht mit seinem Collegium verbunden hat, ihn vielmehr davon unterschieden haben wollte, ist ganz unwahrscheinlich.

Eine Verbindung von Collegium pietatis und ecclesiola in ecclesia bei Spener ergibt sich aus dem Brief Speners an Carpzov vom 23. Juli 1675 (Cons. 3, 86-90), aus Briefen Speners aus den Jahren 1690 (Bed. 1.1, 637f) und 1694 (Bed. 1.2, 53 (1694) sowie aus dem Gedanken der Sammlung der Frommen und geistlich Begabten der Gemeinde mit Blick auf das Collegium pietatis in den Pia Desideria und mit Blick auf die ecclesiola im Brief an einen Amtsbruder aus dem Jahre 1687 (Bed. 1.1, 635).

Mit den Hausbesuchen äußert Spener keinen neuen und vom Collegium unterschiedenen Gedanken, sondern einen zusätzlichen und das Collegium ergänzenden Gedanken.

Das Konzept der ecclesiola in ecclesia beinhaltet doch bei Spener zwei Aspekte: zum einen den Versuch einer Kirchenreform von innen heraus durch die Sammlung der Frommen, die endlich wie ein Sauerteig auf die ecclesia wirken, zum anderen die Ablehnung jeder Separation von der ecclesia. Die ecclesiola konstituiert sich durch die Sammlung der Frommen. [5] Bei der Frage nach der Verwirklichung dieser Konzeption hält Spener die Institution des Collegium pietatis am geeignetsten. Hier versammeln sich die Frommen zur gegenseitigen Erbauung und Stärkung nach innen, um dann wie ein Sauerteig auf die ecclesia wirken zu können. Nun hat Spener auch nach seiner Zeit als Senior und Pfarrer in Frankfurt am Main am Konzept der ecclesiola in ecclesia festgehalten, ist gleichwohl bei der Frage nach der Verwirklichung sehr viel vorsichtiger geworden. Diese Vorsicht ist m.E. nicht in der Entwicklung eines neuen theologischen Modells Speners zu suchen, sondern vielmehr historisch begründet: die Erfahrungen des Frankfurter Collegiums waren auch negativer Art. Man denke nur an den Vorwurf der Separation und schließlich die Separation selbst, durch Johann Jakob Schütz vollzogen, welche zugleich das Ende des Frankfurter Collegiums einleitete. Spener hat daher in seiner Zeit in Dresden und Berlin auf die Frage nach der Verwirklichung des ecclesiola-Konzeptes lieber die Hausbesuche angeführt. Ob diese aber tatsächlich in den Vordergrund gerückt sind, ist fraglich, denn Spener sagt dem Vorschlag der Einrichtung von Collegia pietatis keineswegs ab, fördert an anderen Orten solche Erbauungsversammlungen, wo es nur geht, und hat andererseits selbst die geforderten Hausbesuche nicht oder nur kaum durchgeführt. Die bei der Einrichtung eines Collegium pietatis zu erwartenden Proteste und Unruhen, die möglicherweise den Nutzen einer solchen Erbauungsversammlung übersteigen, haben ihn davon absehen lassen. Statt dessen soll der Pfarrer in seiner Gemeinde zunächst acht geben auf diejenigen, bei denen bereits ein Anfang des Guten gemacht ist, er soll sich näher mit ihnen bekannt machen, sie zu Hause besuchen zu erbaulichen Gesprächen und auch zu sich kommen lassen. Auch soll er eine nähere Bekanntschaft und Freundschaft der Frommen untereinander veranlassen. Auf diese Art und Weise sammelt sich weniger effektiv, aber auch weniger verfänglich ein Kirchlein in der Kirche. Spener schlägt also als Institution die Hausbesuche des Pfarrers vor (visitatio domestica). Endlich könnte man im Idealfall überlegen, ob Ort und Umstände die Gründung eines Collegium pietatis zulassen.[6] 

Hyeong-Eun Chi[7] kommt zu einer Verbindung von Collegium pietatis und ecclesiola in ecclesia in dem Sinne, daß der Gedanke der ecclesiola, der bereits in den Pia Desideria zu finden ist, das Prinzip ist für eine nicht definierte Menge verschiedener möglicher Konkretionen.[8] Der praktische Niederschlag des ecclesiola-Gedankens war in Frankfurt das Collegium pietatis. In Dresden (1686-1691) hat Spener als Oberhofprediger keine Collegia mehr eingerichtet. An deren Stelle tritt der Katechismusunterricht, und zwar als neue Konkretion seines Modells von der ecclesiola in ecclesia. [9] Doch greift bei Chi die abstrakt-philosophische Terminologie nicht, dh die Bestimmung des ecclesiola-Gedankens als Prinzip und des Collegiums als Konkretion, wobei das Prinzip eine nicht definierte Menge potentieller Konkretionen offenläßt (Spener kennt aber nur das Collegium und die Hausbesuche). Doch dienen diese Ausführungen bei ihm bloß zur Grundlegung und Hinführung auf die folgende These, daß nämlich das Frankfurter Collegium Speners in seiner Zeit als Oberhofprediger in Dresden vom Katechismusunterricht abgelöst wurde. Er führt hauptsächlich drei Belege an zum Beweis seiner These[10], die sich allesamt als nicht stichhaltig erweisen. Zunächst geht es in dem von ihm angeführten Beleg Bed. 1,638 (1690), wo Spener vom großen Nutzen "absonderliche(r) versammlungen" spricht, nicht um den Katechismusunterricht, sondern um die erwähnten Hausbesuche des Pfarrers und Versammlungen außerhalb des Katechismusunterrichts. Weiterhin verweist Chi auf Speners Schrift 'Beantwortung des Unfugs der Pietisten' (1693), in der Spener in dem Abschnitt 'De Collegiis Pietatis' den Begriff sehr weit faßt und fünf Arten desselbigen vorstellt. "Als die vierte Art stellt er die Katechismusübung der Alten und Jungen dar." Nun ist dies freilich sehr zweifelhaft, denn Spener erwähnt weder in Punkt vier noch in einem der anderen Punkte den Katechismusunterricht. Der Konnex der Zusammenkunft mit den Predigten, der Vorschlag, "von erbaulichen dingen familiariter" zu sprechen sowie der Gedanke der Sammlung einer Anzahl aus den Zuhörern des Predigers für die Erbauungsveranstaltung deuten vielmehr auf ein Collegium pietatis in Formder von Breithaupt in Erfurt gehaltenen Predigtwiederholungen. Die Rede Speners hier von der Befragung von Alten und Jungen, mit der Chi offensichtlich den Katechismusunterricht assoziiert, hat aber ebenfalls ihren Sitz im Erfurter Collegium Breithaupts.[11] Im dritten Beleg Bed. 1,50-53 (1694) bespricht Spener Katechismusunterricht und Collegium pietatis, und zwar nicht von sich aus, sondern weil der Briefempfänger ihn konkret zu diesen beiden Einrichtungen um Rat gefragt hat. Die Verbindung der beiden Institutionen stammt also hier vom Briefempfänger, nicht von Spener. Über das Collegium äußert er sich zurückhaltend, es sei nur unter bestimmten Voraussetzungen und nicht an jedem Ort und zu jeder Zeit sinnvoll. Der Katechismusunterricht aber sei ganz unanstößig und auch sehr nützlich zur Erbauung der Gemeinde. Mit keinem Wort verbindert Spener den Katechismusunterricht mit dem ecclesiola-Gedanken oder sieht ihn als Nachfolger für das Collegium pietatis. Der Katechismusunterricht wird zum eigenständigen Mittel zur Kirchenverbesserung, tritt aber nicht an die Stelle des Collegium pietatis. Aus dem bereits erwähnten Brief Speners an einen unbekannten Amtsbruder aus dem Jahre 1687 wird dies ganz deutlich.[12] Darin rückt bei seinen "consilia zu des Christenthums kräfftiger erbauung" zwar der Katechismusunterricht an die erste Stelle seiner Reformvorschläge, doch trennt Spener ihn strikt vom Gedanken der ecclesiola in ecclesia, den er separat im dritten Reformpunkt erörtert und ihn in keinster Weise mit dem Katechismusunterricht in Verbindung setzt. Der Katechismusunterricht impliziert bei Spener nicht den Gedanken der Sammlung der Frommen, tritt mithin auch nicht an die Stelle des Collegium pietatis. Der Katechismusunterricht ist zu verstehen als Mittel der Kirchenzucht zur Kirchenreform. Es geht dabei nicht darum, die Frommen zu sammeln, sondern nach und nach auf Freiwilligkeitsbasis die ganze Gemeinde zum Katechismusunterricht zu bringen, wobei endlich die Halsstarrigen dazu genötigt werden sollen. 

Wir sind nach diesen Erörterungen nun in der Lage, das von Breithaupt eingerichtete Collegium pietatis zu bestimmen und einzuordnen.[13] In seinen Predigtwiederholungen verbindet Breithaupt zwei Vorschläge Speners zur Kirchenreform. Er greift die Art des Collegiums auf, wie es Spener in Frankfurt montags durchgeführt und darin mit den Teilnehmern die sonntags gehaltene Predigt besprochen und vertieft hat. Er greift auf die Methode des von Spener geförderten Katechismusunterrichts[14], dessen didaktische Form in Breithaupts Collegium Eingang findet. Die einprägsame Methode des Katechismusunterrichts mit Frage und Antwort sowie die Wiederholung der Predigt, also etwas, was die Teilnehmer bereits in anderer Form gehört hatten, schienen ihm offensichtlich geeignet, die Teilnehmer an seinem Collegium am eindrücklichsten anzusprechen und zu erbauen. Im Collegium Breithaupts zeigt sich in gewisser Hinsicht eine "funktionale Zuordnung von Katechismusunterricht und Predigt".[15] Dennoch hat er immer streng unterschieden zwischen Katechismusunterricht und und seinem Collegium pietatis. 1691 hat er nur äußerst wiederwillig und gezwungenermaßen seine Erbauungsversammlung in der Predigerkirche im Rahmen des Katechismusunterrichts durchgeführt. Dies zeigt überaus deutlich, daß auch Breithaupt nicht den Katechismusunterricht, sondern das Collegium pietatis mit dem Gedanken der ecclesiola in ecclesia und der Sammlung der Frommen verbunden hat.[16] Anders als Spener aber hat er selbst zeitlebens an der Einrichtung von Collegia pietatis festgehalten.

[1] Vgl. Sträter, Meditation 1995, 156; Wallmann, Pietismus 1991, 43-50; Wallmann, Spener 19862, 264-298.

[2] Matthias, Markus: Collegium pietatis und ecclesiola. Philipp Jakob Speners Reformprogramm zwischen Wirklichkeit und Anspruch. In: Pietismus und Neuzeit 19 (1993), 46-59. 

[3] Brecht, Martin: Philipp Jakob Spener, sein Programm und dessen Auswirkungen. In: Ders. (Hg.): Der Pietismus vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert (Geschichte des Pietismus. Hgg. Martin Brecht, Klaus Deppermann, Ulrich Gäbler und Hartmut Lehmann). Göttingen 1993. S. 302.

[4] Matthias deutet dies selbst an: "Schließlich könnten allmählich auch 'sacra colloquia' (Collegia pietatis) und andere Erbauungsversammlungen unter der Leitung des Pfarrers eingeführt werden." (53).

[5] Brief Speners an [einen Amtsbruder] aus dem Jahre 1687: "Weil nun so wol der prediger sich immer mehr und mehr mit den besten seiner gemeinde, an denen er die krafft des worts sihet, am meisten vereiniget und dieselbige sich auch wegen gleiches sinnes, so viel es geschehen kan, näher zusammen thun, so samlet sich, ohne einige trennung von andern oder gefahr derselben, gleichsam ein kleines häuflein und kirchlein von rechtschaffnen Christen unter dem grossen eusserlichen hauffen (Bed. 1.1,635; ebenso Bed. 3,724 (8.7.1687).

[6] "Wo man nun nur mit etlichen wenigen in einer solchen Christlichen familiarität stehet/ und sich dergleichen klüglich gebrauchet/ gibt GOTT immer gnade/ daß mehrere nach und nach eben dasselbe suchen/ und in weniger zeit ein prediger eine feine zahl solcher leute bekomme/ die zu weilen mit ihm und wiederum er mit ihnen/ umgehet/ damit er die privat- erbauung üben kan. Er thut auch wohl/ wo er unter solchen Christlichen gemüthern selbs eine freundschaft stiftet/ daß auch sie einander mehr in dem HErrn kennen lernen/ eines auf das andere in liebe acht geben/ einander freundlich besuchen/ und sich also auch mit einander stärcken. Dieses halte ich vor das erste zu unserer zeit gnug: ists aber dahin gebracht/ so zeiget der HErr immer weiter was zu thun/ und öfnet eine thür nach der andern. Doch haben wir uns an meisten orten zu hüten/ daß wir weder auf einmal ihrer viele zu uns komen lassen/ noch auch dergleichen bey andern veranlassen/ sondern daß alle conversationen mit wenigen/ und also ohne vieles aufsehen/ geschehen. Dann ob es wol so viel besser wäre/ und mit weniger mühe mehr ausgerichtet werden könte/ wo wir/ was wir mit eintzlen oder wenigen handlen/ zugleich mit mehrern handlen dörften/ und insgesamt auch solche absonderliche versammlungen nicht wenigen nutzen haben: so leben wir doch zu einer solchen zeit/ die uns an wenig orten dergleichen zugibet/ und muß man also durch dergleichen anstalten etwa sorgen/ mehr hindernüs des guten zu erregen/ als dasselbe zu fördern: daher wir gleichsam mit einem umschweif und mehrern mühe dasjenige auszurichten suchen müssen/ was zwar auf andere art/ wo man gerade zugehen dörfte/ mit mehr frucht geschehen würde." (Bed.1.1, 637f. [1690]).

"Was die collegia pietatis anlangt/ bin ich nicht in abrede/ daß dieselbe mehrmal unter die mittel der verbesserung gerechnet: ich bekenne aber dabey/ daß ich sie selbs nicht in allen orten rathen oder einführen wolte: wie ich dann zwar dergleichen zu Franckfurt gehalten/ und michs nicht reuen lassen: in Dreßden und hier habe ich nicht gefunden/ das mich darzu nöthigte/ oder nur starck persvadirte. Wie ich dann die eigentlich also genannte collegia pietatis nur bey solchen gemeinden rathsam achte/ in denen bereits ein mehrer eiffer zu GOttes wort sich hervor thut/ und unterschiedliche leute sind/ die schon dergleichen gaben haben/ daß sie mit erbauung etwas vortragen mögen. So könten auch andre ursachen seyn/ die dieselbe mißrathen/ sonderlich wo man ziemlicher massen vor augen siehet/ daß dergleichen lärmen und unruhe daraus entstehen möchte/ so grösser wären/ als der darauf vernünftig hoffende nutzen. Dieses halte aber an den meisten orten dienlicher/ wo ein Prediger unter denen seiner seelen sorge anvertrauten lernet zum fördersten diejenige genauer kennen/ bey welchen der HErr bereits einen ziemlichen anfang des guten gemacht/ und fernern eiffer entzündet hat/ sich mit denselben vertraulich bekant zu machen/ mehrmal zu ihnen zu kommen/ oder sie zu sich komen zu lassen/ und zu ihrer fernern erbauung anleitung zu geben/ so dann unter denselben selbs auch eine genauere kundschaft und umgang zu veranlassen/ damit durch christliche zusprüche und exempel immer das gute an einem/ auch an den andern frucht schafte. Wo nun in einer gemeinde mehrere personen auf diese weise bereitet sind/ so ist es zeit/ davon sich zu berathen/ ob eines orts collegia anzustellen seyen oder nicht." (Bed. 1.2, 53 [1694]); vgl. auch Anm. 169.

[7] Chi, Hyeong-Eun: Philipp Jakob Spener und seine Pia Desideria. Die Weiterführung der Reformvorschläge der Pia Desideria in seinem späteren Schrifttum. Diss. theol., Bochum 1994 (erscheint demnächst).

[8] "Demgegenüber sind die Collegia pietatis von Anfang an eine aus diesem Prinzip [sc. der ecclesiola in ecclesia] her ableitbare Art unter vielen, d. h. eine Konkretisierung des Prinzips. Das kann wie Speners Collegium pietatis in Frankfurt oder je nach den Umständen auf andere Art geschehen, und sogar durch anderes ersetzt werden, ohne auf das Prinzip zu verzichten. Die Beziehung der beiden kann mit den Termini 'Oberbegriff' und 'Unterbegriff' besser ins Auge gefaßt werden: die Ecclesiola in ecclesia colligere bildet dabei den Oberbegriff und die Collegia pietatis den Unterbegriff." (Chi, Spener, 117).

[9] Vgl. Chi, Spener, S. 125-145.

[10] Chi, Spener, 142ff.

[11] Beantwortung des Unfugs der Pietisten (1693), S. 146: "4. Ist auch eine art der zusammenkunfften/ wo ein prediger von seinen zuhörern in mehrer zahl/ alte und junge/ zusammen kommen lässet/ und von erbaulichen dingen familiariter, als in den predigten zu geschehen möglich, mit ihnen handelt, sie auch etwa fraget, aber sonsten niemand vortragen lässet. Welcherley anzustellen eine sache ist, so predigern ambtswegen zukommt/ da sie darzu gelegenheit und trieb haben/ und davon erbauung hoffen können." Vgl. dazu meine Ausführungen zum Collegium Breithaupts in Kapitel V.1.

[12] Bed. 1.1,629-635 (1687); vgl Anm. 159.

[13] Nach Spener, Beantwortung des Unfugs der Pietisten (1693), S. 146 dürfen wir die Predig

[15] Sträter, Meditation 1995, 120.

[16] Somit läßt sich die These von Chi auch vom Erfurter Collegium Breithaupts aus nochmals falsifizieren.